Ein Hörspiel im Bayerischen Rundfunk

Die Lyriker sind in Deutschland nicht gar so selten, allerdings schreiben sie nicht immer Gedichte. Man muß ihnen auch anderswo nachspüren: vor allem im Hörspiel. Denn Lyrik ist ganz auf das Wort gestellt, und das Hörspiel sollte es auch sein. Ein schönes Beispiel, wie beides sich miteinander verbinden kann, gab Oskar Wessels „Schweigen um Jeanette“ (im Bayerischen Rundfunk).

„Hören und dazugehören“ will Jeanette, aber sie ist seit fünfzehn Jahren taub: die Welt der Stimmen, der Musik und der Geräusche ist ihr verschlossen. „Ich sah einen Mann zu einer Frau ‚Du‘ sagen“, bekennt sie, „ich dachte mir, das Wort Du käme gleich nach Gott.“ Und sie fleht: „Laß mich nur ein Wort hören, und ich werde davon leben alle Tage.“ Jeanette, die von Erni Wilhelmi in allen Sätzen zart und überzeugend gesprochen wurde, begegnet dem Ingenieur Pierre, er ermuntert sie zur Operation. Und nun hofft sie: „Nachts sah ich die Sterne draußen. Morgen, dachte ich, morgen vielleicht kannst du sie hören.“

Und sie hört: heulende Sirenen statt der Stille des Mittags, hört den großen greulichen Lärm der City, in die Pierre, der Abgesandte der lauten Welt, sie geführt hat. „Aufhören...!“ schreit Jeanette und flieht zu dem stillen Maler Vilaine, der die Gräser zeichnet. „Ich möchte es hören, wie das Gras wächst“, sagt sie. Doch sie hält es nicht aus, wieder will sie fort, „weil auch die Stille ein Abgrund sein kann“. Sie geht Zurück zu Pierre, in die City, in den Lärm – denn auch die Pauken schlägt ja Gott. Jeanette will die Welt jetzt hören lernen. – OskarWessels. Sprache, voller Poesie, machte es glaubhaft, daß die Welt wirklich hörenswert ist.

E. P. Michalek