Von Regierungsrat Dr. Hubert Schmaser

Die entscheidende Ursache dafür, daß Schleswig-Holstein 1945/46 zum Notstandsgebiet wurde, ist nicht in wirtschaftlichen Erscheinungen und Gesetzmäßigkeiten zu suchen, sondern in der plötzlichen und untragbaren Bevölkerungszuwanderung. Der Raum nördlich der Elbe gehört nicht zu den alten „klassischen“ Notstandsgebieten, denn seine wirtschaftlichen Grundlagen sind gesund. Das Verhältnis der Wirtschaftszweige zueinander unterschied sich zwar etwas von den Werten des ehemaligen Reichsdurchschnitts, war aber in sich ausgewogen und gewährleistete ein Volkseinkommen, das vor dem Kriege den Durchschnitt übertraf. Der industrielle Abschnitt war allerdings relativ geringer. Gemessen an den damaligen standortlichen Möglichkeiten war er jedoch durchaus beachtlich und wird häufig zu Unrecht unterbewertet.

Gemäßigter und organischer Ausbau

Gewiß haben auch hier – nicht minder stark wie in den übrigen Teilen des Bundesgebiets – unmittelbar die Wirtschaft berührende Kriegsschäden und -folgen die Erwerbsgrundlagen beeinträchtigt. Diese hat man inzwischen aber weitgehend durch die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft überwunden. Die aktive Bekämpfung des Notstandes kann daher – auf eine einfache Formel gebracht – in der Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen Bevölkerung und gewerblicher Kapazität gesehen werden. Zur Erreichung dieses Zieles muß Schleswig-Holstein von einem Teil des Bevölkerungsüberdrucks entlastet werden. Zugleich aber muß man die Bestrebungen zur Schaffung neuer Arbeitsplätze unterstützen. Die angestrebte Mehrbeschäftigung kann und muß vornehmlich auf dem industriellen Gebiet verwirklicht werden. Es handelt sich hierbei keineswegs um eine industrielle Neuerschließung im Pionierstil, ja kaum um einen grundlegenden Wandel des Landescharakters. Nach Umfang und Methodik ist das, was im wörtlichen Sinne „notwendig“ wäre, als ein gemäßigter Jndustrieausbau zu bezeichnen. Nicht Mammutprojekte und völlige wirtschaftliche Neuorientierung werden das Ausschlaggebende sein, sondern die Pflege erweiterungsfähige Betriebe und die Errichtung neuer Produktionsstätten von vorwiegend mittlerer Größe. Hierbei. kann auf ein reiches Angebot geeigneter Räumlichkeiten zurückgegriffen werden, durch das die Festlegung des knappen Kapitals in industriellen Neubauten vermeidbar wird.

Vor allem: lohnintensive Betriebe

Die Voraussetzungen hierfür sind nicht ungünstig. Allgemein gelten arbeitsintensive Fertigungen als in Schleswig-Holstein bevorzugt ansetzungsfähig. Man darf ferner davon, ausgehen, daß sich die in gewisser Hinsicht bestehenden Nachteile der Randlage des Landes im Laufe der Zeit durch die Verbesserung der Verkehrswege und die Leistungssteigerung der Verkehrsmittel beträchtlich mildern lassen. Zum Teil werden sie bereits heute aufgewogen durch die günstige Lage zu wichtigen Außenhandelszentren und Verschiffungsplätzen sowie durch die steigende Konsumkraft des in Betracht kommenden Raumes. Ferner nimmt die gesamtwirtschaftliche Entwicklung offenbar einen Verlauf, der den Kostenfaktoren Arbeit und Boden eine steigende betriebswirtschaftliche Bedeutung zuweist. In dieser Hinsicht bietet Schleswig-Holstein manche Standortvorteile, die bestimmte Landesteile, insbesondere die an Hamburg angrenzenden Kreise, als durchaus entwicklungsfähig erscheinen lassen. Klar ist, daß der volkswirtschaftliche Nutzen von Investitionen, die sich auf ernst zu nehmende betriebswirtschaftliche Überlegungen stützen, ungleich höher veranschlagt werden kann, als eine forcierte Gründertätigkeit, hinter der ein System künstlicher Hilfen und Anreize steht. Man wird daher nicht allzu ängstlich die Aufnahmefähigkeit des Marktes und die Berechnung von Frachtunterschieden im Auge behalten müssen, wenn bei. Industrieprojekten Kostenvorteile anderer Art ausgenutzt werden, und wo besondere unternehmerische Dynamik und fortschrittlicher Wirtschaftsgeist sich zu ihrer Durchführung zusammenfinden. Hieraus folgt, daß die Richtung des Ausbaus, in den Branchen gesehen, eine größere Skala von Produktionen zuläßt, als man zunächst anzunehmen geneigt ist. Aber auch bei einer engeren Auswahl würden in den verarbeitenden Industrien etwa folgende Produktionen für eine fühlbare Kapazitätsausweitung in Betracht kommen: Maschinenbau (u. a. Werkzeugmaschinen, Textilmaschinen, Maschinen für graphische und papierverarbeitende Industrien, Holzbearbeitungs- und Nahrungsmittelmaschinen), Elektroindustrie (insbesondere Apparate- und Instrumentenbau), Präzisionswerkzeugbau, Feinmechanik und Optik, einige Zweige der Papierverarbeitung, Offset- und Buchdruck, Buchbinderei, chemische Produktionen mit höherem Veredelungsgrad und, nicht zuletzt, gewisse Spezialgebiete der Textilwirtschaft. Diese Aufzählung ist weder erschöpfend, noch ist sie gänzlich ohne Vorbehalt zu betrachten. Sie soll lediglich als Richtungsangabe dienen.

Überdies rufen neue Produzenten in ihrem Streben nach kurzen Zulieferungswegen auch neue Bedürfnisse an Vormaterialien und Dienstleistungen hervor, die als Fernwirkung weitere Ausbaumöglichkeiten in anderen Sparten eröffnen. Dies gilt nicht nur für eine Reihe von Zulieferindustrien, sondern ganz besonders, auch für Handwerk, Großhandel, Verkehrswirtschaft und freie Berufe. Die zunehmende gewerbliche Anreicherung von Schleswig-Holstein läßt schließlich sogar gewisse Investitionen im grundstoffnahen Abschnitt und im Halbzeugbereich durchaus diskutierbar erscheinen, sofern mit ihnen eindeutige technische Fortschritte verwirklicht Werden. Ihre Durchführung würde nicht nur in sich lohnend sein, sondern für große Teile der gewerblichen Wirtschaft des Landes auch verbesserte kalkulatorische Grundlagen schaffen.