Die Dresdner Hofkirche stellt den Aufmärschen im Wege

Es gibt Städte, die haben ein einziges Bauwerk zum Wahrzeichen: Köln den Dom, Bremen das Rathaus, München die Frauenkirche. Dresden, die Schöpfung barocker Stadtbaukunst, hatte als Wahrzeichen die Silhouette eines ganzen Komplexes von Gebäuden, dessen Schauseite nach der Elbe hin lag: die Brühlschen Terrassen, das Schloß, die Hofkirche, den Zwinger und (im neunzehnten Jahrhundert von Gottfried Semper mit genialem Blick eingefügt) die Gemäldegalerie und das Opernhaus. Drüben am Neustädter Elbufer standen die Maler von Canaletto über die Schule Caspar David Friedrichs – G. G. Carus und Dahl – bis zu den Landschaftern dieses Jahrhunderts an ihren Staffeleien und hielten die – repräsentativste aller deutschen Stadtansichten fest Wer den Platz betrat, der von diesen Bauwerken umkränzt wurde, fühlte sich eingefangen von der festlichen Freudigkeit, die aus dem Barock in unser Jahrhundert hinüberklang.

Die Dominante des weitschwingenden Akkords war die katholische Hofkirche, die der Römer Chiaveri so in die schräge Front zum Elbufer gestellt hat, daß sie den Blick des über die Augustusbrücke Kommenden vom Schloßplatz in den Theaterplatz hinübergleiten ließ. Ihr schlanker vielgestaffelter Turm überragte; die Turmhaube des Residenzschlosses und hob deren Zwiebelmotive in eine noch luftigere Oktave, Die neunundfünfzig Sandsteinheiligen auf den Brüstungen an den flachen Dächern des Langhauses hoben sich, Brückenheiligen gleich, gegen den Himmel ab. Mit dem untrüglichen Sinn für städtebauliche Komposition erkannte Gottfried Semper diese beherrschende Stellung der Hofkirche und orientierte die runde Schauseite des Opernhauses so, daß der Blick dessen, der aus dem Theater herauskam, ungewollt auf Hofkirche und Schloß fiel..

Die amerikanischen Bomben am 13. Februar 1945 haben in diesem Hauptstück Dresdens arge Verwüstungen angerichtet. Das Opernhaus brannte völlig aus, Schloß und Hofkirche wurden schwer beschädigt. Am gelindesten war noch die Hofkirche davongekommen. Der Dresdner Stadtbauverwaltung schien es möglich und wünschenswert, neben dem Zwinger auch sie zu restaurieren. Und so ist seit 1945 an ihrer Instandsetzung gearbeitet worden.

Die Reparaturen an Chiaveris Bau stehen dicht vor der Vollendung. Nun aber hat, nach einer dpa-Meldung, über den Kopf der Dresdner Stadtverwaltung hinweg das Landessekretariat Sachsen des SED verfügt, daß der Schloßplatz, der Theaterplatz und die angrenzenden Anlagen zu einem Aufmarschgelände für die „werktätigen Massen“ ausgebaut werden, und das heißt: nicht nur die Ruinen von Schloß und Opernhaus, sondern auch die wiederhergestellte Hofkirche müssen verschwinden.

Paradeplätze sind für Diktaturen wichtiger als Denkmäler der Geschichte – wenigstens soweit es sich um unterjochte Völker handelt. In Berlin mußte das Stadtschloß dem Bedürfnis nach Massenentfaltung weichen. Was in Moskau und Leningrad als Zeugnis großer Vergangenheit gilt, ist in Deutschland Beispiel für – „Architektur der Klassengesellschaft, die die soziale Ungleichheit und Unterdrückung widerspiegelt“, und hat zu verschwinden. In Dresden sollte der „Rote Platz“ nach einem Parteibeschluß vom Sommer vorigen Jahres auf dem Trümmerfeld vom Altmarkt über den Neumarkt bis zu den Brühlschen Terrassen errichtet werden. Dabei wäre die zentrale Platzanlage, die Dresdens Ruhm ausmacht, unberührt geblieben. Aber die Nachbarschaft von Schloß und Hofkirche schien den Regenten zu unbehaglich. Sie beschlossen, die Zerstörung Dresdens zu vollenden – obwohl sie sich damit des massivsten Propagandainstruments gegen den „amerikanischen Imperialismus“ berauben.

Wenn künftig ein Maler seine Staffelei am Neustädter Elbufer aufstellt, sieht er zwischen Brühlschen Terrassen und Fernheizwerk nichts als Tribünen, Transparente und rote Fahnen.

Und dies bereitet sich vor in einem Augenblick, wo Verhandlungen über die Wiedervereinigung Deutschlands von denselben Leuten verlangt werden, die mit den schönsten deutschen Stadtbildern so barbarisch verfahren wollen! Sie können nicht gutgläubig an den Verhandlungstisch gehen. Denn wie sollten sie sich vor dem Gesamtdeutschland, das – sie mit so großen Worten fordern, für ihr Zerstörungswerk verantworten?