Die Zusammensetzung des Verwaltungsrates der Bundesbahn entspricht durchaus den Befürchtungen, die viele Sachverständige vor Ernennung der Mitglieder durch das Bundeskabinett gehegt haben: kein Vertreter der Bundesbahn-Interessen hat in ihm Sitz und Stimme, und wirkliche Sachverständige in Bundesbahnfragen sind höchstens die Delegierten der Eisenbahner-Gewerkschaft – aber auch sie vertreten ja nur Spezialinteressen. Viel zu sehr ist der Verwaltungsrat zu einem politischen Gremium geworden, von dem noch nicht abzusehen ist, ob es in absehbarer Zeit wirklich arbeitsfähig sein wird, und bereit, die wichtigsten Aufgaben im Bereich der Bundesbahn an sich zu ziehen.

Und es gibt da dringende Aufgaben zu lösen, die keinen Aufschub mehr dulden. Allerdings sollten keine umstürzenden organisatorischen Änderungen vorgenommen werden. Es wäre verfehlt, an die Bildung von Generaldirektionen zu denken, die nur eine neue Instanz bilden, den Geschäftsgang erschweren und dem nach zentraler Lenkung tendierenden Verkehrswesen (siehe Frankreich, England und Amerika) schaden würden. Wir dürfen unter keinen Umständen noch mehr dezentralisieren, als die Länderbildung es schon eingeleitet hat. Im übrigen würde das auch dem Grundgesetz widersprechen, dessen Artikel 72 verlangt, daß der Bund für die Wahrung der Wirtschaftseinheit sorgen soll. Man stelle sich die politischen Kämpfe vor, die die Stillegung irgendwelcher Ämter heraufbeschwören würde!

Was zunächst in Frage kommen könnte, wären die Aufhebung einiger kleinerer Direktionen (Augsburg, Mainz, Kassel). Nennenswerte Ersparungen dürften allerdings hierbei nicht herausspringen. (Beweis: die seinerzeitige Aufhebung der Direktion Magdeburg.) Man darf ja nie vergessen, daß der ganze Verwaltungsdienst der Bundesbahn nur einige wenige Prozente der Gesamtausgaben beansprucht. Deshalb also: keine organisatorischen Änderungen um ihrer selbst willen. Sie werden zu gegebener Zeit sowieso notwendig werden, und zwar im Zuge der Umstellung der („auf Zentralisierung drängenden“) Betriebsführung, nach Einsatz der neuen elektrischen Sicherungsapparatur (System Dobmaier). Auch die von amerikanischen Sachverständigen vorgeschlagene Zusammenfassung von Ausbesserungswerken sollte recht behutsam erfolgen. Die auf dem Papier errechneten Ersparnisse dürften durch die notwendigen Neuinvestierungen (bei Umsiedlung des Personals und dem damit verbundenen Wohnungsbau) mehr als aufgehoben werden. Auch hier würden die betroffenen Städte und Gemeinden energisch remonstrieren und ihre politischen Vertreter im Bundestag und Bundesrat mobil machen.

Selbstverständlich bleibt die Notwendigkeit bestehen, der immer nach Zentralisierung strebenden Verwaltungstätigkeit auf die Finger zu sehen. Die technische Entwicklung, vor allem die Möglichkeit des dauernden Telefonierens, bringt es mit sich, daß immer mehr von „oben“ hineinregiert wird. Die Vervollkommnung der Büromaschinen hat zur Folge, das „unten“ immer mehr Zahlen zusammengetragen werden. Ihre Auswertung wird – aus verständlichem Mißtrauen – möglichst an oberster Stelle „zentralisiert“, und die Folge ist eben die Anordnung von oben (siehe Lochkartenverfahren), dazu weiterhin: eine immer stärkere Besetzung der zentralen Stellen. Aufzuhalten scheint diese Entwicklung nicht zu sein; aber es könnte doch manches zur Entlastung der unteren Dienststellen und zur Lockerung der Entschlußkraft der vorgesetzten Stellen getan werden. Überall möchte man ja das „Verfahren nach den Vorschriften“ durch eigenverantwortliches Handeln nach dem gesunden Menschenverstand ersetzt sehen ...

Besonders eingehende Überlegungen erfordert die Frage der Organisation der Hauptverwaltung. Auch hier darf nicht zu radikal vorgegangen werden. Zu irgendwelchen Experimenten liegt gar keine Veranlassung vor, denn jeder einigermaßen Eingeweihte weiß, daß gerade bei der Hauptverwaltung recht schnell und auch umfassend gearbeitet wird. Vielleicht sollte man aber die Zuständigkeiten ein wenig ändern. Man könnte an eine stärkere Zusammenfassung von „Betrieb“ und „Verkehr“ denken und andererseits „Tarifwesen“ mehr mit „Finanzen“ kuppeln. Die jetzige Teilung des Verkehrs in eine technische Betriebs- und eine juristische Verkehrsabteilung ist antiquiert. Sie rührt aus der Vorbildung des höheren Beamten her, die einerseits Juristen, andererseits Bautechniker und Maschinentechniker sind. Es wird kein Schaden sein, wenn bei manchen Referaten der Hauptverwaltung und entsprechend bei den Dezernaten der Direktionen die bisherige Besetzung nach den beruflichen anstatt rein fachlichen und persönlichen Qualifikationen einer Revision unterzogen würde.

In der technischen Entwicklung ist besonders an die fortschreitende Elektrifizierung zu denken. Nach heutigem Stande bietet sie gewiß große Vorteile. Doch sollte man die bekanntgegebenen Zahlen über die zu erzielenden Einsparungen etwas skeptischer betrachten. Kühles Rechnen ist dem „Fortschrittsgeist“ des Ingenieurs und besonders dem des Erfinders gegenüber immer geboten ... Außerdem darf man das von der Technik eingeschlagene Tempo der Entwicklung nicht übersehen, das (zum Beispiel) bei der Zugförderung mit der Entwicklung der Gasturbinen die Elektrifizierung voraussichtlich in kurzer Zeit unwirtschaftlich machen wird.

Die Intensivierung des Verkehrs auf den Eisenbahnstrecken mit Hilfe der Gleisbildstellwerke dürfte die sich am meisten rentierende Rationalisierungsmaßnahme technischer Art sein. Dem vollelektrisierten Sicherungswesen stellen sich aus konservativer Grundeinstellung heute bei der Bundesbahn noch immer gewisse Schwierigkeiten entgegen. Die finanziellen Belastungen sind nicht so erheblich, daß sie nicht überwunden werden können. Hierzu gehört auch die Wegesicherung mit neuzeitlichen optischen Sicherungs- und Warnanlagen, die recht günstige finanzielle Folgen haben würden. Ein Widerstand dagegen könnte nur aus dem konservativen Denken des Publikums, des Wegebenutzers, entstehen. Doch wenn der Verwaltungsrat eine klare und bestimmte Haltung zeigt, wird alles glatt gehen, und die finanzielle Gesundung der Bundesbahn könnte so vorwärtsgetrieben werden.