Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, Anfang April

„Werte Genossen“ – so beginnen und „Mit sozialistischem Gruß“ – so enden die Briefe, die der SPD-Parteivorstand in Bonn und der SPD-Landesvorstand in Berlin von dem Zentralkomitee und von der Landesleitung der SED in diesen Tagen bekommen haben. Sowohl Ollenhauer in Bonn als auch Franz Neumann in Berlin wollen diese Briefe ignorieren. Das ist nur konsequent, denn SPD und SED, diese beiden einst als sozialistische Linke gekennzeichneten Parteien, sind durch die Trennung Deutschlands zu den schärfsten Antipoden geworden.

In der kommunistischen Terminologie gehörte der „sozialistische Verrat“ bisher zu den verdammenswerten Delikten, der „Soziäldemokratismus“ galt als das böseste Übel, und Schumacher, Ollenhauer, Reuter, Neumann, die sozialdemokratischen Führer, waren in den Augen der SED-Führung weit mehr belastet als die bürgerlichen Politiker Westdeutschlands. Plötzlich nun werfen die Briefe aus Berlin-Ost alle bisherige Taktik um. Sie verwenden das alte sozialistische Vokabular, um die bis gestern grimmig bekämpften Wortführer der Sozialdemokratie zu gemeinsamer Aktion aufzufordern.

Was aber erwartet die SED von der gemeinsamen Aktion? Sie zielt nicht auf einen revolutionären Akt. Wenn man den Briefen glauben darf, so will die SED mit der SPD lediglich Beratungen darüber führen, was gegen die Eingliederung der Bundesrepublik in die europäische Gemeinschaft geschehen könnte. Interessant an diesem Angebot der SED sind immerhin der Ton, der Zeitpunkt und die Hintergründe.

Die Sowjets haben bemerkt, daß seit Wochen die Opposition der SPD gegen die Bundes-

regierung den Charakter einer innerpolitischen Meinungsverschiedenheit verloren hat. Die Sowjets sehen, wie die SPD nicht nur gegen das Tempo der Wiederbewaffnung und gegen die Rangfolge von Generalvertrag und Europa-Gemeinschaft opponiert, sondern ihren Widerspruch gegen die größere westliche Konzeption steigert. Wer aber den Westen so sehr kritisiert, wie die SPD es im Zusammenhang mit der Entwicklung der großen Probleme der Wiedervereinigung und der europäischen Gemeinschaft tut, wird von Karlshorst als Bundesgenosse freudig begrüßt. Nicht nur die SED (was hätte sie schon zu sagen?) – die Sowjets selbst werten die Haltung der SPD in der Bundesrepublik als eine Abkehr vom Westen. Daher die Anrede: ‚Werte Genossen‘ ...

Dem SPD-Vorstand, der auf die Briefe nicht geantwortet hat, dürfte klargeworden sein, zu welchen Spekulationen seine Oppositionshaltung gegen das europäische Tempo der Bundesrepublik die Sowjets bereits veranlaßt hat. Es ist zu erwarten, daß die SED als Sprecherin noch mehr als lediglich ideologische Opfer zu bringen bereit ist – wenn es aussichtsreich erscheint, die Front des Westens aufzureißen.