Von unserem süddeutschen Korrespondenten Hubertus Prinz zu Löwenstein

Hätt’ Adam Frankenwein besessen, den Apfel hätt’ er nie gegessen“, sagt man in Würzburg von alters her. Einer Legende nach waren es die Gründer der Stadt selber, die irischen Frankenapostel St. Kilian, St. Kolonat und St. Totnan, die im 7. Jahrhundert zusammen mit dem Christentum den Rebstock an den Main verpflanzten. Zum Lobe seiner geistlichen und leiblichen Wohltäter singt das Volk daher noch heute bei Winzer- und Erntefesten: „Dich rufen, dir danken deine Kinder in Franken, St. Kilian!“

Die Weinberge umhüllen die Stadt wie der Mantel des Dionysos und reichen hoch hinauf auf den Marienberg, der in seinen Festungsmauern die älteste Kirche des rechtsrheinischen Deutschland birgt. Es ist ein Rundbau aus dem Jahre 706, der in seiner Gestalt an das Theoderich-Grabmal in Ravenna erinnert. In den modern ausgebauten Galerien der Festung haben einige von Tilmann Riemenschneiders berühmtesten Statuen ein provisorisches Heim gefunden.

Von der Rampe an der äußersten Umwallung blickt man hinunter auf ein sanftes, fast italienisch anmutendes Land und man erinnert sich der großen Rolle, die es durch die Jahrhunderte in der Geschichte des Reiches und der Kunst gespielt hat: Jenseits des Mains liegt der Hauptreif der Stadt, die einstmals fünfundneunzig Kirchen und Kapellen besaß. Die von Balthasar Neumann gebaute Residenz stand dort, der herrlichste Profanbarockbau Deutschlands. Zur Stadt hinüber spannte sich die „Alte Brücke“ mit ihren zwölf Barockheiligen, die einander ansahen und dieses Anblicks nie müde wurden. Würzburg war eine fromme und freudige Stadt, deren Gastwirte in hundertundfünf Weinstuben die dunkelgrünen, breithüftigen Boxbeutelflaschen auf den Tisch brachten.

Als die Glocken schmolzen ...

Dieses Würzburg ist in der Nacht vom 16. zum 17. März 1945 im Flammenmeer von 300 000 britischen Brandbomben untergegangen. Nicht eine der Kirchen blieb heil. In der Hitze schmolzen die Glocken. Acht Tage lang brannte die Stadt. Die Residenz wurde schwer getroffen. Von 28 000 Wohnungen wurden 21 000 zerstört. Von ihren hunderttausend Einwohnern mußten fünfundneunzigtausend ihre ehemaligen Wohnstätten verlassen. Monatelang lag über dem „Grab am Main“ der Geruch von Brand, von Leichen und von verschüttetem Wein. Im November 1946 gab es zwanzig Fremdenzimmer in der Stadt und eines davon war für mich reserviert. „Aber ich kann Ihnen nicht raten, hier zu übernachten“, sagte die Besitzerin des Hauses. Es war eine Art von Höhle, deren Wände mit kaltem Schleim gedeckt waren. – Nach der Katastrophe hatten manche gemeint, man solle flußabwärts eine ganz neue Stadt bauen. Aber die Würzburger dachten anders. In Karren und zu Fuß sah ich viele von ihnen zurückkehren. Schon am Ende des Jahres 1946 waren wieder über 50 000 da. Sie lebten in Höhlen, sie froren, aber sie blieben. Ein junger amerikanischer Kunstoffizier, John Skilton, ließ auf eigene Verantwortung die Residenz überdachen und rettete damit die Tiepolo-Fresken. Um diese selbe Zeit wurde dem Dom ein neues Dach gegeben, aber es stürzte ein. Aus der Menschenmenge, die sich um den Einsturz versammelte, erhob sich eine in Lumpen gehüllte Frau. Sie redete die Faust zum Himmel und schrie: „Dein Haus braucht kein Dach, solange meins keines hat!“ Ein junger Geistlicher stand neben ihr und schwieg. Aber als er drei Jahre später Bischof von Würzburg geworden war – der jüngste Bischof Deutschlands –, gab er das Wort aus: „Wohnungsbau ist heute Dombau!“ Das von ihm gegründete „Konradswerk für den sozialen Wohnungsbau“, zu dem er alle Pfarreien der Diözese heranzog, ist zum Vorbild für viele andere deutsche Notstandsgebiete geworden. Und wie es sich so fügt: Der Wiederaufbau der Kirchen hat darunter nicht gelitten!

Nun war ich wieder in Würzburg – welch ein Wandel seit jenem ersten Besuch! Aus den zwanzig Fremdenhöhlen sind über elfhundert moderne Hotelzimmer geworden. Die Zahl der auswärtigen Besucher beträgt wieder 65 v. H. von 1938. „Aber über 17 000 unserer Mitbürger haben noch nicht zurückkehren können“, sagte der Oberbürgermeister. „Es wäre an der Zeit, daß der Bund das Gesetz über die Evakuierten einbringt, damit ihnen dieselbe Rechtsstellung wie den Heimatvertriebenen gegeben wird.“