Von Eka v. Merveldt

Bonn, im April

Politiker und Politikerinnen auf der Rednertribüne im Plenarsaal des Bundeshauses zu sehen, während sie sich in das Abenteuer einer großen Rede stürzen, ist etwas anderes als ihnen privat in einem geselligen Kreis zu begegnen. Sie wirken junger, menschlicher und sympathischer, wenn sie nicht mehr der hitzigen politischen Atmosphäre verhaftet sind.

Im „Salon“ der Frau eines Abgeordneten, das heißt in der persönlichen, zwar repräsentativen, aber bescheidenen Atmosphäre einer natürlichen und sehr weiblichen Gastgeberin, die gern ihr Haus für anregende Gespräche zur Verfügung stellt, trafen wir kürzlich die beiden Abgeordneten Frau Dr. Luise Rehling und Frau Aenne Brauksiepe. Unter den Gästen war auch Frau Dr. Hagemeyer, Oberlandesgerichtsrätin und Referentin im Bundesjustizministerium, die den Gesetzesvorschlag für die Verwirklichung des Grundsatzes der Gleichberechtigung von Mann und Frau im Familienrecht vorbereitet.

„Man trifft nur selten bei den deutschen Frauen jene Geistesschnelligkeit an, durch die eine Unterhaltung lebhaft und der Ideengang rasch bewegt wird“, schrieb Madame de Staël noch vor 150 Jahren. Bacon habe gesagt, die Unterhaltung sei nicht ein Weg, der nach Hause führe, wohl aber ein Pfad, auf dem man sich auf gut Glück ergeht. Aber der Charakter und die Geistesart der Deutschen, so bemerkte Madame de Stapel dazu, passe nicht zu diesem Talent. Die Deutschen seien in allen Stücken auf ein ernstes Ergebnis bedacht. Sie vernähmen kein Wort, ohne etwas daraus zu folgern; daher ihre Empfindlichkeit. Und noch weniger könnten sie begreifen, wie man das Gespräch als jene freie Kunst behandele, die keinen anderen Zweck hat als das Vergnügen, das man darin findet.

Nun, die Gelegenheit, die sehr beschäftigten Politikerinnen zu treffen, verlangte tatsächlich „ein ernsthaftes Ergebnis“ der Unterhaltung. Denn als Gesprächsstoff ergab sich sehr bald das durch die kommende Gesetzesänderungen sehr naheliegende Thema der Gleichberechtigung der Frau. Aber die Unterhaltung, an der – sehr lebhaft – auch drei Männer teilnahmen, war ganz im Gegensatz zu der Behauptung von Frau von Staël tatsächlich ein Vergnügen, denn sie wurde nicht nur von den routinierten Politikerinnen, sondern von allen Beteiligten mit prächtigen Formulierungen, mit Humor und großer Rücksichtnahme auf den, der eine andere Meinung vertrat, geführt. Die Sätze sprangen lebhaft wie Tischtennisbälle; jeder kam zu Wort; jeder wurde – im Gegensatz zur Erfahrung der Politikerinnen im Bundeshaus – mit Liebend Würdigkeit angehört und durch neue Argumente unterstützt oder mit liebenswürdigem Temperament widerlegt.

Die unbekümmerte Äußerung der Gastgeberin zu Beginn des Gespräches, sie verzichte auf ihre Gleichberechtigung – eine Bemerkung, die keine Provokation, sondern ein Bekenntnis war – wurde zunächst überhört, bekam aber später überraschende Bedeutung. Frau Dr. Hagemeyer, die einzige Junggesellin übrigens in diesem Kreis, die in manchen Punkten, wie etwa der Forderung nach absoluter Gleichberechtigung der Frau in der Ehe, eine einsame Kämpferin blieb, wurde jedoch von allen Anwesenden gepriesen, weil sie unbeirrt um die vielen Einwände und Hemmnisse die Reformvorschläge so energisch vorangetrieben habe, die den Frauen viele so lange vorenthaltene Bürgerrechte sichern sollen. Besonders gebühre ihr der Dank deshalb, weil der Termin der Gesetzesänderungen, der 31. März 1953, immer näher rücke und Eile, wenn auch beileibe keine Übereilung geboten ist.