Die vor einigen Tagen in Paris durchgeführten Vorverhandlungen über den Versuch, einen einheitlichen europäischen Markt für Agrarprodukte zu schaffen, lenken die Aufmerksamkeit erneut auf die Problematik dieser „Grünen Union“. Ihre Hauptgefahr, die alle interessierten europäischen Länder betrifft, besteht doch darin, daß aus den nationalen – mehr oder wenigerhoch geschützten – Agrarmärkten nun zwar ein größerer Einheitsmarkt entsteht, der sich aber gegen die Einfuhr billigerer Überseeprodukte abschließt. Es würde sich dann also um einen geschützten Markt von beträchtlicher Größe handeln, der den bisherigen nationalen Agrarprotektionismus lediglich auf die höhere europäische Ebene hebt. Dabei soll nicht verkannt werden, daß die Verschmelzung der nationalen Märkte nach den ersten Übergangsschwierigkeiten schon bis zu einem gewissen Grade rationalisierend und leistungssteigernd wirken wird. Immerhin besteht das Hauptproblem doch darin, daß ein geschützter europäischer Einheitsmarkt hemmend auf den lebenswichtigen europäischen Industrieexport wirkt, der sich auch in Zukunft im wesentlichen auf den Austausch mit überseeischen Nahrungsmitteln und Rohstoffen stützen wird und muß. Eine solche „Grüne Union“ würde nicht nur zu Lasten des Verbrauchers gehen, sondern auch der Landwirtschaft auf die Dauer keinen Gefallen tun, da eine längere künstliche Abtrennung vom Weltmarkt keinem Wirtschaftszweig zum Vorteil gereicht, was die Vergangenheit nachgerade bewiesen haben dürfte. Dem Einwand, daß der europäische Landwirt nun einmal aus naturbedingten Gründen teurer als der überseeische produziere – wobei wohl in erster Linie an Getreide und Zucker zu denken wäre –, ist entgegenzuhalten, daß ein europäischer Agrarmarkt, wenn er entsteht, seine Zollmauern schrittweise abbauen müßte bis zu den wirklich naturbedingten Unterschieden zwischen Übersee und Europa. Die beachtlichen Leistungsteigerungen z. B. der deutschen Landwirtschaft in den letzten drei Jahren haben gezeigt, welche Möglichkeiten vorhanden waren und noch sind: Es ist nicht strittig, daß unter dem Druck der Konkurrenz, vor allem in Frankreich, aber auch in Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern, weitere Leistungssteigerungen eintreten würden.

Für Deutschland hat die „Grüne Union“ noch eine besondere Seite: Wenn wir unsere Agrarmärkte öffnen müssen, begeben, wir uns eines, wichtigen handelspolitischen Aktivums, nämlich der Möglichkeit, als Gegenleistung für Industrieexporte innerhalb Europas bestimmte Nahrungsmittel hereinzulassen. Nur so konnte in der Vergangenheit z. B. im Handelsverkehr mit Frankreich die Ausfuhr zahlreicher Industrieerzeugnisse überhaupt durchgeführt werden. – Demnach sollten Gespräche über eine Agrar-Union, die vor allem auf der geplanten Hauptkonferenz in Paris im Herbst dieses Jahres. stattfinden dürften, sich zunächst vordringlich auf Leistungssteigerung erstrecken sowohl auf der Ebene der einzelnen Länder als auch ganz Europas, ferner auf Erfahrungsaustausch und Studienreisen. C. v. S.