Von allen Ländern Asiens, die nach dem zweiten Weltkrieg die staatliche Unabhängigkeit erhielten, hat sich Burma innenpolitisch am wenigsten stabilisiert. Noch heute wird das Land, das im Jahre 1948 ein unabhängiger und souveräner Staat wurde, von inneren Unruhen heimgesucht. Neben den kommunistischen Aufständischen der „Weißen“ und der „Roten Fahne“, die in Mittelburma über starke Stützpunkte verfügen, befinden sich die Karen, eine tai-chinesische Minderheitsgruppe von etwa zwei Millionen Menschen, seit Jahren im Aufruhr gegen die Regierung in Rangun, um einen automen Karen-Staat zu erkämpfen. Etwa dreihunderttausend Karen, sind protestantische Christen, so daß der politische Streit auch noch durch den religiösen Konflikt mit der buddhistischen Mehrheit der burmesischen Bevölkerung verstärkt wird.

Religiöse Hintergründe haben auch die Kämpfe zwischen der mohammedanischen Mehrheit und den Buddhisten in der an Ost-Pakistan grenzenden Provinz Arakan. Oft überschreiten mohammedanische Burmesen die Grenze, um sich bei ihren pakistanischen Glaubensgenossen Waffen für den Kampf gegen die von ihnen zu Unrecht als „kommunistisch“ bezeichneten Buddhisten zu beschaffen. Nur den engen Beziehungen zwischen den Regierungen Pakistans und Burmas ist es zu danken, daß sich aus diesen Grenzverletzungen bisher keine außenpolitischen Schwierigkeiten ergeben haben. Dagegen führten die Verhältnisse in dem zu Burma gehörenden Schan-Staat Kengtung, der an die chinesische Provinz Yünnan, an den indochinesischen Staat Laos und an Thailand grenzt, zu außenpolitischen Komplikationen. Als der Widerstand der Nationalchinesen 1950 in der Provinz Yünnan zusammenbrach, überschritten 8000 bis 10 000 Mann nationalchinesischer Truppen unter Führung des Generals Lei Mei die burmesische Grenze. Da die Regierung in Rangun nicht in der Lage war, die Überläufer zu entwaffnen und zu internieren, machte sich Lei Mei praktisch zum Herrscher des Kengtung-Staates zwischen dem Irawadi und den Grenzen mit Yünnan, Laos und Thailand. Er wurde hierbei von der Regierung Tschiang Kai Scheks unterstützt, die ihn über eine Etappenlinie und nach Fertigstellung eines Flugplatzes in Kengtung laufend mit Waffen auf dem Luftwege versorgte. Die Behauptungen,-daß sich auch die Vereinigten Staaten von Amerika an diesen Lieferungen beteiligt hätten, wurde von Washington kategorisch dementiert. Die Folge dieses Waffennachschubs, der nur mit stillschweigender Duldung der thailändischen und der für Laos verantwortlichen französischen Regierung durchgeführt werden konnte, waren Protestnoten aus Peiping an die Regierung in Rangun und eine Zuspitzung der Beziehungen zwischen Burma und seinen östlichen Nachbarn. Neuerdings Hat die burmesische Regierung damit gedroht, sie werde sich an die rotchinesische Regierung wenden und deren Hilfe in Anspruch nehmen, um sich der nationalchinesischen Truppen zu entledigen, die auf das Gebiet von Kengtung übergetreten sind. Da damit ein Einmarsch rotchinesischer Truppen in burmesisches Gebiet in den Bereich der Möglichkeit rückt, nimmt man in Rangun an, daß Tschiang Kai Schek nunmehr nachgeben und die Waffenlieferungen einstellen wird. Tatsächlich soll der Nachschub aus Formosa bereits aufgehört haben. Die ersten Regierungstruppen aus Rangun sind in Kengtung eingetroffen.

Trotz dieser schwierigen Zustände konnten die ersten Parlamentswahlen des jungen Staates, wenn auch nur etappenweise und über Monate verteilt, in 236 von den 250 Wahlbezirken durchgeführt werden. In dem neugewählten Parlament hat. die bisher herrschende Koalition der „Antifaschistischen Freiheitsliga des Volkes“, in der die Sozialisten am stärksten vertreten sind, mit 80 v. H. der vorhandenen Sitze die qualifizierte Mehrheit erhalten. Der zum Staatspräsidenten gewählte 65jährige Chefrichter am Obersten Gericht, Dr. Ba U, beauftragte den bisherigen Ministerpräsidenten und Führer der Sozialisten Nu, der inzwischen den aus der Kolonialzeit anrüchigen Titel „Thakin“, das heißt „Lord“, mit der schlichten Anrede „U“, nämlich „Herr“, vertauscht hat, mit der Bildung der Regierung. Nu U ergänzte sein bisheriges Kabinett durch einige neue Ressortminister, unter ihnen Frau Ba Maung Tschein, die das wichtige Amt des Ministers für Angelegenheiten der Karen erhielt. Im Gegensatz zu dem entschlossenen Kampf gegen die kommunistischen Aufständischen legt die Regierung Wert darauf, den Aufstand der Karen durch Verhandlungen zu beenden. Hierfür ist Frau Ba Maung Tschein deshalb besonders geeignet, weil sie aus einer angesehenen christlichen Karen-Familie stammt und sich seit langem für eine Versöhnung zwischen den Karen und der Regierung eingesetzt hat. E. H.