Von André Maurois

Je trüber und spannungsreicher eine Zeitepoche ist, desto stärker ist das Bedürfnis der Zeitgenossen nach Witz und Humor. Denn das Lachen baut Spannungen ab, wenn auch nur für den Augenblick; es zeigt einen Ausweg. Daher denn sagte ein Theoretiker das Lachen sei, wie das Weinen, eine „Antwort auf das Unbeantwortbare“. Aber während es wenige Theoretiker des Lachens gibt, sind wir alle mehr oder weniger Praktiker des Lachens. Und dabei haben wir die Erfahrung gemacht, daß wir den Völkern, ja sogar den Landschaften ihren eigenen, ganz besonderen Humor zuschreiben können. Wenn man also aus ihrem Humor die Völker kennenlernen kann, so könnten zum gegenseitigen Verständnis der Nationen die Witze vielleicht mehr beitragen als die Reden der Politiker. – Die „Zeit“ will in einer Reihe von Aufsätzen versuchen, Witz und Humor einiger Nationen darzustellen. Der Versuch beginnt mit einer Analyse des englischen Humors, die der sehr bekannte französische Autor André Maurois geschrieben hat, Verfasser des unvergeßlichen Buches „Le Silence du Colonel Bramble“. Während dieser geistreiche Franzose über den Witz der Briten schreibt, charakterisiert er, wie der Leser bemerken wird, zugleich auch den Esprit der Franzosen ...

Die Engländer haben unlängst einem Buch von George Mikes einen großen Erfolg bereitet. Das Buch führt den Titel: How to be an Alten – „Wie soll man als Ausländer in England leben?“ Es gibt Ratschläge für Kandidaten der Naturalisierung und beginnt etwa so: „In England, da ist alles verkehrt. Auf dem Kontinent trägt sonntags jeder seine schönsten Kleider und will einen fröhlichen Tag verbringen. In England hängen sich die reichsten Leute sonntags Lumpen um, und das Land verdüstert sich. – Auf dem Kontinent hat man einen Gesprächsgegenstand zu vermeiden: das Wetter. Wenn man aber in England nicht zweihundertmal am Tag: „Lovely day, isn’t in – Ein wunderbarer Tag, nicht wahr? sagt, dann wird man für langweilig angesehen. Auf dem Kontinent lügen die Leute oder sagen die Wahrheit: in England lügen sie nicht, aber sie denken gar nicht daran, die Wahrheit zu sagen ...“

Man sieht gleich, was die Engländer an George Mikes’ Buch lieben: es ist der Ton, der ihnen Spaß macht. Die Briten verstehen die Kunst, über sich selbst zu lachen oder die Ausländer über sich lachen zu hören, vorausgesetzt, daß es mit Liebe geschieht.

Man weiß, daß die Engländer exzentrisch sind; man sagt es ihnen in aller Höflichkeit; und sie sind stolz darauf, daß sie exzentrisch sind; das englische Volk hat einen außerordentlichen Respekt vor dem englischen Volk.

„Wenn ein Kontinentbewohner“, so sagt George Mikes, „einem jungen Mädchen seine Liebe erklären will, dann kniet er nieder, sagt ihr, daß sie die charmanteste Person der Welt sei, daß sie etwas Einzigartiges an sich habe, und daß er keine Minute mehr ohne sie leben könne. Manchmal zieht der Kontinentbewohner, um seiner Erklärung mehr Nachdruck zu verleihen, einen Revolver. In England klopft so ein Junge seiner Angebeteten auf die Schulter und sagt freundlich: „Schließlich und endlich sind Sie nicht schlechter als irgendeine andere wissen Sie ...“ Und wenn er leidenschaftlich bis zum Wahnsinn ist, dann fügt er noch hinzu „Sie gefallen mir ziemlich gut.“ Wenn er aber das Mädchen gar heiraten will, dann sagt er: „Also, sagen Sie mal, wie wäre es mit uns beiden?“

Stellen wir en passant fest, daß der „Kontinent“ – das heißt: die Gemeinschaft der europäischen Nationen – ein Ausdruck ist, der die Engländer entzückt, besonders, wenn er gebraucht wird, um zu unterstreichen, wie sehr sie selbst von allen anderen Völkern verschieden-sind. Mit Vergnügen spricht man heute noch in London von dem Tag, an dem ein schweres Gewitter die Schiffahrt auf dem Kanal unmöglich machte und die Times mit der Überschrift erschien: „Der Kontinent isoliert.“ Als die englischen Soldaten 1914 in Frankreich an Land gingen, erhielten sie einen kleinen Führer. Er enthielt folgenden Satz: „Die Fahrer werden aufmerksam gemacht, daß auf dem Kontinent alle Chauffeure auf der falschen Straßenseite fahren.“ Die rechte ist die falsche Seite, weil man in England links führt. Aber man darf nicht glauben, daß die Engländer das Komische dieser Formel nicht verstehen; im Gegenteil, sie genießen es.