Die folgenden Ausführungen, die uns von Dr. Paul Beyer, dem geschäftsführenden Vorstandsmitglied des Deutschen Industrie- und Handelstages, zugegangen sind, beanspruchen vor allem Beachtung durch das Ausland.

Die rasche wirtschaftliche Erholung der Bundesrepublik seit der Währungsreform im Juni 1948 hat im Ausland Erstaunen hervorgerufen und das Wort vom „Wunder des deutschen Wiederaufbaus“ in Umlauf gebracht. Soweit es sich dabei um die Anerkennung einer für den Außenstehenden überraschenden und nicht recht erklärbaren Leistung handelt, besteht deutscherseits kein Anlaß, dieser Auffassung zu widersprechen, obwohl sich der Aufschwung für deutsche Augen zweifellos nicht ganz so wunderhaft vollzogen hat. Der Abbau der Zwangswirtschaft und die Marshall-Plan-Hilfe erklären zumindest sehr vieles.

Es gibt indessen nicht wenige ausländische Stimmen, die in dem wirtschaftlichen Wiederaufstieg der Bundesrepublik eine Gefahr für die anderen Länder der westeuropäischen Gemeinschaft erblicken wollen. So wird behauptet, die deutsche Exportindustrie – ziehe einen unangemessenen Vorteil aus den Einschränkungen, denen die Nationalwirtschaften der anderen Länder durch die Rüstungsauflagen unterworfen sind. Oder man argumentiert, der außergewöhnlich schnelle deutsche Produktionsanstieg rechtfertige einen weit höheren finanziellen Verteidigungsbeitrag, als ihn die Bundesrepublik für annehmbar halte. Wie weit sind diese Behauptungen fundiert und beweiskräftig?

Der statistische Vergleich der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung in der Bundesrepublik und den anderen westeuropäischen Staaten scheint der ausländischen Kritik recht zu geben. In der Tat stand der deutsche Produktionsindex (auf der Basis 1948 = 100) drei Jahre nach der Währungsreform auf 218, der englische dagegen auf 144 und der belgische auf 119. Der Durchschnitt der OEEC-Länder ohne Westdeutschland hatte Mitte 1951 erst einen Produktionsindex von 128 erreicht.

Im Fixierspiegel der auf 1948 basierten internationalen Statistik scheint auch die Furcht vor einer wirtschaftlichen Expansion der Bundesrepublik zu Lasten der durch ihre Rüstungsproduktion gehemmten Länder nicht ganz gegenstandslos zu sein. Der Index des deutschen Exportvolumens (1948 = 100) hat Mitte 1951 den Stand von 640 erreicht und damit die Entwicklung in den anderen Ländern scheinbar weit überflügelt: England hatte zu diesem Zeitpunkt 136 erreicht, Frankreich 256, Italien 143, Belgien 153.

Diese statistische Verzerrung der Wirklichkeit kommt dadurch zustande, daß die OEEC-Länder ohne die Bundesrepublik in den Jahren 1945 bis 1948 produktionsmäßig gesehen ihre Kriegsverluste nahezu aufgeholt und den Stand von 1938 erreicht oder sogar überschritten hatten, während für die Bundesrepublik mit dem Stichtag der Währungsreform – dem 20. Juni 1948 – überhaupt erst der Startschuß fiel. Während die westdeutsche Wirtschaft auf der Basis des Jahres 1938 = 100 im Jahre 1948 erst einen Produktionsindex von 50 – also die Hälfte der Vorkriegszeit – erreicht hatte, stand England berei:s auf 121, Frankreich auf 111, Italien auf 99 und Belgien auf 122; im Durchschnitt hatte der Produktionsindex der OEEC-Länder ohne die Bundesrepublik 116 von 1938 erreicht.

Eine zutreffende Beurteilung der wirtschaftlichen Entwicklung, des Produktionspotentials und des Außenhandelsniveaus muß mit anderen Worten von den Daten des letzten vergleichbaren Vorkriegsjahres 1938 ausgehen. Dann erst werden die wirklichen Größenordnungen sichtbar. Auf dieser Basis lag der Produktionsindex der Bundesrepublik Mitte 1951 mit 109 knapp über dem Vorkriegsstand, während England zu diesem Zeitpunkt bereits 149, Frankreich 143, Italien 187, Belgien 145 erreicht hatten und die OEEC-Länder ohne die Bundesrepublik im Durchschnitt auf 149 standen.