Von unserem Berliner Korrespondenten W. Berlin, im April

Es gibt Nachrichten und Spekulationen darüber, daß die Volkspolizei in der SoVjetzone den Befehl bekommen habe, sich in eine reguläre Truppe umzuwandeln. Seit in der sowjetischen Deutschland-Note die Aufstellung von „nationalen deutschen Streitkräften“ angeboten wurde, erscheint die Volkspolizei als das Modellinstrument für eine deutsche Armee, wie die Sowjets sie wünschen. Daß im Falle des Scheiterns der sowjetischen Verhandlungswünsche ein von Moskau einseitig mit der „Deutschen Demokratischen Republik“ geschlossener Friedensvertrag auch dem östlichen Teile das Recht auf „Streitkräfte“ zugestehen würde, das ist gegenwärtig im Politbüro der SED bei den Besprechungen ein bevorzugtes Thema.

Das Gros der Volkspolizei ist längst das, was ohne Einschränkung „Armee“ genannt werden muß. Daß Ende des Jahres 1951 in der Volkspolizei 70 000 Mann unter Waffen standen, ist der Öffentlichkeit bekannt. 60 000 davon waren in den dreißig „Dienststellen“ oder „Bereitschaften“ der Volkspolizei untergebracht. Die übrigen 10 000 haben noch viel größeres Gewicht: sie sind Absolventen der fünfzehn Volkspolizeischulen, von denen vier in Sachsen-Anhalt, drei in Sachsen, drei in Brandenburg und zwei in Thüringen liegen. Die Polizeischule mit der stärksten Belegschaft von 1300 Mann in Berlin-Treptow ist die für alle obligatorische Politrukschule der Abteilung Politkultur. An ihr und an ihrem Lehrplan wird besonders deutlich, wie sehr die Volkspolizei Abbild der Roten Armee werden soll.

Doch das Vorbild der Roten Armee liegt keineswegs allein in der Ausbildung des politisch-kommunistischen Offiziers. Gerade auch die rein militärische Ausbildung auf den Schulen für Infanterie, Artillerie, Panzer und Pioniere zeigt das sowjetische Reglement, verbunden mit spezieller Erfahrung und Methodik aus der deutschen Wehrmacht. Eine „Kader-Division“ heutigen Gepräges läßt alles erkennen, was der militärischen Zweckmäßigkeit entspricht. Ein Stab steht an ihrer Spitze, dem unmittelbar unterstellt sind: eine Transportabteilung, eine Sanitätsabteilung, eine Versorgungsabteilung mit den Unterabteilungen: Verpflegung, Bekleidung und Ausrüstung, Waffen und Gerät, eine Intendantur und ein Bauleiter. Das Gerüst der Division hat vier „Kommandos“, und zwar jeweils 1. bis 3. Abteilung (Infanterie), 4. Abteilung. (schwere MG-Abteilung), 5. Abteilung (mittlere Granatwerfer-Abteilung), dazu ein Artillerie-Kommando zu vier Abteilungen mit je zwei „Feuerzügen“. Der Division oder „Polizei-Dienststelle“ angegliedert sind außerdem sieben Sonderabteilungen: Aufklärungsabteilung (Krafträder, Panzerspähwagen), Nachrichtenabteilung, Pionierabteilung, Flakabteilung, PAK-Abteilung, schwere Granatwerferabteilung, Panzerabteilung.

Wenngleich die dreißig Volkspolizei-Dienststellen heute noch nicht durchweg auf Divisionsstärke aufgefüllt sind und einige Waffen, vor allem Flak, noch nicht in jeder Einheit zur Verfügung stehen – für jede Einheit aber gibt es bereits heute drei sowjetische T 34 und russische Granatwerfer –, so läuft das Waffenausbildungsprogramm doch schon seit langem auf vollen Touren. In den Anweisungen für die Offizieranwärter sind überwiegend Kommandos und Gepflogenheiten übernommen, wie sie in der Sowjetarmee üblich sind.

Diese Armee der Volkspolizei hat in den 10 000 Absolventen der Führerschulen bereits ein Führer- und Unterführerkorps, mit dessen Hilfe die Masse der Rekruten durch beliebige Aushebungen relativ rasch nach Wunsch auf beträchtliche Stärke gebracht werden kann. Bis heute war die Rekrutierung der Volkspolizei eine Frage der besseien Ernährung, Kleidung und Entlohnung. Seit einigen Monaten sind Betriebe, die nicht ausgesprochen „Schwerpunktbetriebe“ sind, verpflichtet, bis zu 30 v. H. der Belegschaft entweder an die Volkspolizei oder in den Uranbergbau abzustellen. Die Werbung für die Offizieranwärter in der Volkspolizei, die vor allem unter der Intelligenz und den verbliebenen freien Berufen betrieben wird, hat ebenfalls materielle Hintergründe: 600 Ostmark als monatliches Anfangsgehalt und Lebensmittelkarte 1 sind in der Zone eine vortreffliche Lockung. Die Frage einer Polizeidienstpflicht wird erst akut werden, wenn nicht mehr mittels der schlechten wirtschaftlichen und sozialen Lage der Sowjetzone ein indirekter Zwang ausgeübt werden kann.

Die stalinistische Ausbildung ist heute unter den siebzigtausend Volkspolizisten bereits so weit entwickelt, daß jeder Angehörige der militärischen Vopo zusammen mit seinen militärischen Prüfungen auch die ideologischen ablegen muß: Prüfungen, in denen der Partisanenkampf und die Kriegswissenschaft Stalins als Methode in Krieg und Frieden wichtigste Themen sind.