Rudolf Borchardt: Der leidenschaftllche Gärtner. Ein Gartenbuch (Verlag der Arche, Zürich, 252 S., Leinen 14,35 DM).

C. G. Florestan: Hortensiana oder Gärtnerei ans liebe. (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 228 S., Leinen 7,80 DM.)

Unser Wort Kultur leitet sich her von der Sorge für die Pflanzen. Der Ackerbauer, der Förster, der Gärtner, das sind die eigentlichen Träger und Wahrer der Kultur, gerade darum, weil das Feld ihrer Tätigkeit die Natur ist. Was wir Landschaft nennen, ist ein Resultat geglückter oder versäumter Arbeit des Menschen an und mit der Pflanzenwelt.

Von allen Gewächsen ist die Blume, die unnützeste, dem Menschen menschlich am nächsten, weil sie nur zur Sinnenfreude geschaffen scheint, während Gräser und Bäume, wo sie nicht in Parks, wie Blumen, um ihrer Schönheit willen angebaut werden, ihm zur Nahrung und Wohnung dienen. Eine Hochkultur wie die unsrige, die alle Künste bis zur Perfektion getrieben und der Erde mit Hilfe der Wissenschaft all ihre verborgenen Reichtümer entlockt hat, müßte, so sollte man meinen, auch als Gartenkultur allen früheren Epochen überlegen sein.

Aber die Geschichte der Blumen in den letzten Jahrhunderten zeigt eine andere Kurve: Vom Beginn der Renaissance bis zum Ende des Biedermeier bereichert sich der europäische Garten um die Blumen aller neuentdeckten und erforschten Erdteile. Seitdem verarmt er wieder und nimmt in seiner Flora das Gesicht des standardisierten Zeitalters an. Unsere Blumensorten sind genormt wie Nylon-Strümpfe. Die Kataloge der großen Erfurter und Quedlinburger Sämereien enthielten von Jahr zu Jahr weniger Nummern, weil die rein kommerziell eingestellten Gärtnereibetriebe ihren Kunden jedes Risiko ersparen wollten und die winterfeste Staude der prangenden, aber empfindlichen Sommerblume vorzogen.

Die landläufige Gartenliteratur pflegt diesen häßlichen Tatbestand zu beschönigen. Es mußte schon ein Autor kommen, in dem kulturkritische, und gärtnerische Leidenschaft zusammenstimmten und der mit gleicher Souveränität über geschichtliche und über botanische Kenntnisse verfügte; Ein solch seltener Vogel ist, wie wir erst jetzt, sieben Jahre nach seinem Tode, erfahren, Rudolf Borchardt gewesen, der große deutsche Prosaiker dieses Jahrhunderts, zu dessen überreichem, aber leider noch in keiner Gesamtausgabe geborgenem lyrischem, übersetzendem und essayistischem Werk dieses überraschende, bestürzende, überwältigende Buch als unerläßliche Ergänzung hinzutritt. Er schrieb es im Sommer 1938 in Italien und wollte es in England veröffentlichen, aber das druckfertige Manuskript ging verloren, und nach seinem Tode (kurz vor Kriegsende) fand sich nur eine unredigierte Fassung vor, die seine Witwe nun in gemäße Form gebracht hat. –

„Der Leser dieses Buches hat nicht in dem Gartenbuch eines Gärtners verweilt. Er ist in der Gesellschaft eines Humanisten gewesen.“ Das Wort Humanist hat in Bernhardts Mund nicht den blassen Klang der Gymnasialgelehrsamkeit. Es heißt, was es bei den großen Humanisten – der Renaissancezeit hieß: Entdeckung der Welt und des Menschen, Kampf gegen die Verflachung, gegen die Gewöhnung, gegen die Unlust am Abenteuer des Geistes. Blume und Wort, Gärtnern und Dichten haben für ihn eine mystische Verwandtschaft. „Daß der Mensch der Pflanze’ verwandter ist als dem Tiere, von dem er nicht stammt, sondern das von ihm abgefallen ist, dies stillste aller Geheimnisse liegt in der Poesie besiegelt, und davon, daß die Blume das menschliche Verhängnis der Wiederkehr von Liebe und Tod am einfachsten in sich bindet, ist sie das ewige Kompendium.“