In Nr. 13 der „Zeit“ erschien unter der Überschrift „Liebe Kollegin...!“ eine kritische Stellungnahme zu einem Aufsatz, den Frau Ilse Elsner kurz vorher zum Thema „Frauenlöhne“ in der „Welt“ veröffentlicht hatte. Die Verfasserin sendet uns nun ihre Antikritik zu, die wir im Nachfolgenden wiedergeben.

Lieber Kollege –, Sie haben mir in doppelter Hinsicht mit Ihrer eifrigen Kritik ein Vergnügen bereitet. Einmal hätte ich nicht hoffen können, daß ohne diesen Anlaß die niedrigen Frauenlöhne jemals Ihre Feder beschäftigt hätten. Dann aber sind nun auch Sie noch ein Opfer desselben Umbruchredakteurs geworden, der meinen Artikel – auch meiner Ansicht nach recht abrupt – an jener Stelle enden ließ, die so sehr Ihr Mißfallen erregte. Das tut mir für Sie fast mehr leid als für mich: entzieht es doch Ihren phantasievollen Schlußfolgerungen über die schlechte Stimmung, in der ich angeblich schrieb, den Boden.

Damit könnten wir den Streit schon enden, wenn nicht Ihre Oppositionslust mit Ihnen ein wenig leichtfertig davongaloppiert wire. In Fairneß, lieber Kollege Topf, ich habe nirgends gesagt, daß der von der Statistik errechnete weibliche Durchschnittslohn ebenbürtig mit dem männlichen Durchschnittslohn verglichen werden könnte. Sollte Ihnen der Satz „Über die Lohnunterschiede bei gleicher Arbeit schweigt diskret die Statistik, man muß schon in den Tarifverträgen blättern“ wirklich entgangen sein? Und auch der nächste Absatz, der sich mit den Lohnunterschieden bei gleicher Arbeit beschäftigt? Denn daraus war für jeden zu entnehmen, der es entnehmen wollte, daß diese Unterschiede geringer sind als der grob zitierte Durchschnittslohn erkennen läßt.

Ich müßte jetzt eigentlich fragen, ob nicht Sie ein wenig schlechter Stimmung waren, als Sie Ihre Antwort zu Papier brachten. Man kann es niemandem verargen, wenn er ein unpopuläres Thema meidet. Aber um darüber Klingen zu kreuzen, muß man sich doch wenigstens in der Sache gut unterrichten. Sie stützen Ihre ganze Argumentation auf den groben Durchschnitt der Statistik. Hätten Sie sich dagegen die Mühe gemacht, einmal die Tarifverträge der Textil- und Bekleidungsindustrie einzusehen, würden Sie die 80 bis 85 Pfg., die ich nannte, nicht mehr für so abwegig halten. Ich greife nur ein paar Beispiele heraus. Nach dem Tarif für die Bekleidungsindustrie (Bundestarif) erhalten Näherinnen und Stickerinnen in den drei Ortsklassen 81, 84 und höchstens 89 Pfg. die Stunde. Hilfsarbeiterinnen bekommen 78, 80 und 82 Pfg., Plätterinnen 84, 88 und 92 Pfg. Das sind Löhne für Arbeiten im Betrieb; für Heimarbeiterinnen sind die Tarife niedriger. Wäschenäherinnen, soweit sie ungelernt sind, erhalten 70 Pfg. (Tarifvertrag für Schleswig-Holstein), angelernte 80 Pfg., Putzmacherinnen im zweiten Jahr nach der Lehre von 60 bis 75 Pfg. die Stunde (gilt auch für Hamburg). Die meisten Strickerei- und Webereibetriebe zahlen Stundenlöhne für Frauen zwischen 80 und 86 Pfg., zum Teil noch darunter. Das sind, wohlbemerkt, alles Löhne aus Betrieben, mit denen Tarifverträge abgeschlossen, werden konnten. Aber gerade in der Textilbranche gibt es eine Reihe von Betrieben, die sich nicht tariflich gebunden haben. Und Sie wissen so gut wie ich, daß die nicht über den Tariflöhnen liegen.

Wenn ich Ihre Kritik richtig verstehe, so sind Sie der Ansicht, daß man, sofern man die finanziellen Mittel für die Änderung nicht, gleich mitliefern kann, kein Recht hat, auf Mißstände hinzuweisen. Das ist ein Standpunkt. Er erinnert nur ein wenig an den Streit zwischen Kabinett und Bundestag und würde heißen, wenn der Kuchen verteilt ist, beißen den Letzten die Hunde. Wenn das die ultima ratio wäre, gäbe es wirklich nur eine Antwort: Streik. Und dafür – da gebe ich Ihnen vollkommen recht – wären die übrigen, ökonomischen Faktoren im Augenblick denkbar ungünstig.

Ich bin aber nicht der Meinung, daß der Lohn ein ökonomischer Faktor ist, zu dessen Bestimmung soziale Einsichten ganz und gar unmaßgeblich sind. Man hat sich schließlich auch daran gewöhnt, die Straßenbahnschaffnerin wie ihren männlichen Kollegen zu entlohnen, ohne daß das die Verkehrstarife nun noch weiter erschüttert hätte. Und hat es hier keines Streikes bedurft, warum sollte es anderswo nötig sein? Es gibt auch in diesen Dingen so etwas wie ein öffentliches Gewissen. Daran zu rütteln, scheint mir keine schlechte publizistische Pflicht.

Ilse Elsner