Rudolf Henz: Der Turm der Welt (Verlag Herold, Wien; 372 S., 15,– DM).

372 Seiten dantische Terzinen! Wer ein solches Epos über viele Jahre hinaus zu schreiben sich unterfängt, muß wohl ein gehöriges Maß von Unbefangenheit, ja, von der Unverfrorenheit des durch seine Aufgabe Besessenen mitbringen. Henz’ erstaunliches Buch, in dem er eine „Unterwelt“, ausgeformt aus den düsteren Symptomen der Zeit, unsrer noch unentschiedenen „Welt“ entgegenstellt, ist mehr als nur kühner Versuch, das dantische Schema an unserer Zeit zu erproben (oder umgekehrt), es zieht die Berechtigung seiner Form aus der strengen Katholizität seines Gehalts. Ähnlich Dante benutzt der Verfasser den hierarchischen Geist katholischer Religiosität, um seinen Visionen ein tragfähiges Skelett zu geben. Ansonsten sind die Analogien mehr äußerlich. So kann man an der genauen Zweiteilung des Buches Inferno und Purgatorio wiedererkennen. Das Paradiso ist nicht mehr gestaltbar.

Im ersten Buch abstrahiert Henz das Ergebnis seiner Zeit zu utopischen Gesiebten von perfektionierten Massenstaaten und vom Chaos egozentrischer Trieb weit. Utopisch heißt mittlerweile schrecklich (Kasack, Orwell). Wer so schreibt, will warnen. In den drei Reichen der freiwillig Blinden, der eigensüchtig Tauben (der Heimat Evas übrigens), der hörig Stummen vollendet sich die Hybris des Menschen, symbolisiert im babylonischen „Turm der Welt“, dem Gegendom. Dies: Konzeption will nicht originell sein. Sie ist ja so alt wie die Bibel. Henz aber unternimmt es, sie auf einer Reise von odysseeischem Ausmaß zu Ende zu schauen. In großen Bildern schildert er

Wir machen unsere Leser darauf aufmerksam, daß Einsendungen zum Preisausschreiben der „Literarischen Zeit“ (vgl. Nr. 13) am 18. April in unseren Händen sein müssen.

den Stufenbau dieser Reiche, ihre soziologische Struktur gleichsam und das Wesen ihrer Herren und Knechte mit unaufhaltsamer Konsequenz und einer oft beklemmenden Einsicht in die Vollendungsmöglichkeiten der Niedertracht, des Selbstbetrugs, der Scheinlösung, die eralle an sich selbst erfährt. Doch scheint mir, was er von dem privaten Gottschaffer im Taubenreich sagt, ein wenig auch auf ihn zuzutreffen: „Zu deutlich sang er und doch zu verhalten.“ Immer dort, wo Henz das Alt-Allegorische mit dem neuen Sinnbildlichen mischt, bekommen die Visionen jener abscheulichen Reiche etwas Gestelltes, künstlich Aufgebautes, noch dazu, wenn sie aus einer Landschaft wachsen, die stark idyllische Züge trägt. Das tut ihrer Wahrheit Eintrag. Da hilft auch nicht die inspirierte Beredsamkeit, die mächtige, die nicht immer von Redseligkeit zu unterscheiden ist.

Im zweiten – entsprechend dem ersten – dreigeteilten Buch findet sich der Held, ein Steinmetz am Dome Gottes, wieder in unsrer Welt, die durchsetzt ist mit den Aposteln jener drei Reiche, um in rückhaltlosen Ringen mit den Heiligen der Ordnung (Thomas), der urbrüderlichen Liebe (Franz) und des Geistes (Paulus) unterliegend dennoch die Aussicht auf Gott zu erzwingen, endlich aber die Gewißheit seines – Vorhandenseins demütig zu erwarten. Auf diesem Wege gelingen ihm Partien von unausweichlicher Menschlichkeit. Henz weiß Pathos glaubhaft zu machen.

(Die Terzinen, die er schreibt, sind mühelos, gelegentlich leichtfertig. Aber die Sprache hat Zug und ist trotz aller Beredsamkeit von manchmal lapidarer Prägnanz: