Rlt., Düsseldorf, Anfang April

Von Zeit zu Zeit müssen wir uns mit den Bestrebungen jener Kreise beschäftigen, die auf dem Gebiet der Großversorgung mit elektrischer Energie nicht vom Föderalismus lassen wollen. Die Verbundwirtschaft der Elektrizität ist ihnen ein Dorn im Auge, weil sie außerhalb der Etatwirtschaft fiskalischer Versorgungsbetriebe liegt und deshalb nicht als milchende Kuh für Stadteigene Interessen herangezogen werden kann. Während sich einsichtsvolle Kreise mit dem Gedanken beschäftigen, die bestehenden europäischen Verbundnetze zu einem Schuman-Plan der Elektrizität“ auszudehnen, publiziert die Arbeitsgemeinschaft der regionalen Elektrizitätsversorgungsunternehmen (ARE) eine Denkschrift „Verbrauchsorientierte Stromerzeugung“, um gegen die weitreichenden und wichtigen Investitionen in Deutschlands Stromzentralen zu polemisieren.

Ausgangspunkt ist der gegenwärtige Verbrauch, der 1951 rund 30 Mrd. Kilowattstunden erreichte. Diese wurden auf der Basis von gut 7 Mill. installierter Kilowatt erzeugt. In spätestens einem Jahrzehnt dürfte bei gleichbleibendem Trend die doppelte Strommenge verbraucht werden und daher auch die doppelte Kapazität vorhanden sein müssen. Wo soll nun mit Schwerpunkt investiert werden? Die bisherige Energiepolitik hat zum Glück die erzeugungsstarken Zentralwerke bevorzugt und dorthin die Kredite gesteuert. Die Beträge der Investitionshilfe werden wiederum zum wesentlichen Teil dort hingehen, um die Bauten zu vollenden. Die Regionalwerke behaupten nun, es sei billiger, Kohle zu transportieren als Strom und wollen den Ausbau der E-Werke in die Verbrauchszentren gelegt wissen.

Jetzt soll mit einer „kleinen Bilanz für die gesamte Denkschrift Beweiskraft“ geschaffen werden. Diese Bilanz vergleicht die Kosten des Stromtransportes über Freileitungen mit den Frachtkosten für Kohle. Dabei wurde eine Benutzungsdauer von 4000 Stunden im Jahr im Mittel der Übertragungsanlagen angenommen.

Das Zahlenbild sieht ohne Zweifel bestechend aus. Bei der mittleren Reihe (220 Volt-Strom) ergibt sich eine Kostendifferenz zwischen Kohletransport und Stromtransport von 0,53 Pf. je kWh, um die der dezentralisierte Strom preiswerter wäre. Aber wer die Entstehungsgeschichte dieser Zahlen erforscht, wird feststellen, daß erstens schon die Benutzungsdauer statt wie gegenwärtig mit 4600 Stunden nur mit 4000 Stunden zugrunde gelegt wurde. Zweitens sind die angenommenen Bahntarife längst überholt, da die Rechnung die Tarife vom Oktober 1951 annimmt. Sodann wird hier mit nicht vergleichbaren Kosten gearbeitet, ein Fehler, dem eigentlich der Mitverfasser, der bekannte Wirtschaftsprüfer Dr. Morgenthaler, nicht verfallen durfte – und z. B. bei seinem ausgezeichneten Gutachten über die Kostenstruktur des modernen Verkehrs, die er im Auftrage des Verkehrsministeriums von Nordrhein-Westfalen ausgearbeitet hatte, auch nicht verfallen ist. Es ist schlechterdings nicht möglich, einen Tarif, also ein statisches Kostenmoment, mit üblichen Kosten, also einem beweglichen Moment, in Relation zu bringen. Diese Methode entspricht einer statisch-mathematischen Auffassung, die mit der Dynamik der Wirtschaft in Widerspruch steht. Hierzu ein Beispiel, das sich aus der Betrachtung der Tabelle ergibt.

Die „kleine Bilanz sieht wie folgt aus:

Spannung kW 110 220 380