Von Marion Gräfin Dönhoff

Kairo‚ Mitte April

Als die Alliierten nach dem ersten Weltkrieg beschlossen, Deutschlands Stellung zu schwächen und seine sämtlichen Kolonien einzuziehen, hatte sicher niemand damit gerechnet, daß eben dies eines Tages dazu führen werde, in ganz Nordafrika und im Vorderen Orient die Deutschen zu der einzigen vertrauenswürdigen Nation des Westens werden zu lassen.

Der Argwohn und das Ressentiment gegenüber allem, was unter den Begriff "Imperialismus" fällt, ist heute so stark, daß auch das amerikanische point four program mit äußerstem Mißtrauen betrachtet wird. Mit wem man auch spricht, ob mit Tunesiern, Syrern, Irakern oder Ägyptern –: die einzigen "Westler", zu denen sie Vertrauen haben, sind die Deutschen. Die Deutschen, die seit einer Generation keine Kolonialmacht mehr sind, die keinen Herrschaftsanspruch zu verteidigen haben und die keine politischen Absichten hegen. Die Deutschen, deren General Rommel zu einem Mythos geworden ist. Tatsächlich umspinnen noch heute viele Legenden an den südlichen Küsten des Mittelmeeres seinen Ruhm.

Was wunder, daß Ägypten eines Tages beschloß, es einmal mit einigen deutschen Offizieren zu versuchen. Warum sollten die ägyptischen Soldaten, wenn sie richtig ausgebildet und bewaffnet und ihre Generale richtig beraten würden, nicht ebenso tüchtig sein wie die irgendeiner anderen Armee? Wahrscheinlich – so dachten viele – hatten sie im Palästinakrieg nur deshalb versagt, weil die Engländer sie ganz bewußt nicht zur vollen Entfaltung gebracht und ihnen die höhere, Weisheit der Kriegsführung vorenthalten hatten.

Es kamen verschiedene Zufälle hinzu. Ein solcher Zufall mag es gewesen sein, daß, General Fahrmbacher, ein gemütlicher, keineswegs martialischer bayrischer General der Gebirgsartillerie, nachdem er fünf Jahre zum Teil in Ketten in französischen Gefängnissen zugebracht hatte, just zu jener Zeit nach Deutschland heimkehrte und in seinem eigenen Haus in Partenkirchen so wenig Rechte genoß, daß ihm sein Vaterland von Grund auf verleidet wurde. Es fügte sich, daß ein Freund von ihm, Dr. Wilhelm Voß, früher Direktor der Hermann-Göring-Werke und später der Skoda-Werke, der seinerseits durch einen Zufall nach Ägypten geraten war und der dort inzwischen eine Art zentrales Planungs-Büro aufgezogen hat, ihn nachholte. Und Fahrmbacher wiederum stellte dann ein halbes Jahr später einen kleinen Stab von Spezialisten zusammen, die heute alle mit ihren Familien in Kairo leben.

Seinerzeit hatte Fahrmbacher die Armee geführt, die unter Rommel die Invasion in Frankreich abwehren sollte. Beim. Gegenstoß auf Avranches war er in die Bretagne abgedrängt worden und bei Kriegsende dort in der Festung Lorient gefangengenommen worden. Nach fünfjähriger Gefangenschaft wurde ihm dann attestiert, daß nichts gegen ihn vorliege, Von den anderen Offizieren haben einige ebensolange und länger in sowjetischer Gefangenschaft zugebracht, so beispielsweise Major Nülle, der in Stalingrad in Gefangenschaft geriet. Sie alle sind mit Privatkontrakt angestellt, tragen keine Uniform und haben keine Weisungsbefugnis, sondern sind ausschließlich als Berater tätig.