Vor kurzem wurde bekannt, zwei Beamte des Wirtschaftsministeriums in Bonn, Ministerialdirigent Risse und Regierungsdirektor Dr. Günther, seien im Zusammenhang mit der Affäre Platow verhaftet worden. „Endlich“, sagten viele, „jetzt geht es auch einmal einem Beamten an den Kragen!“ Dr. Platow war anderer Ansicht: er dementierte. Er habe niemals Informationen von einem der beiden Verhafteten erhalten. „Natürlich“, sagten die Mißvergnügten, „er schützt seine Komplicen.“ Rund eine Woche später wurden beide Beamte auf energisches Betreiben ihres höchsten Vorgesetzten, des Bundeswirtschaftsministers Professor Dr. Erhard, aus der Untersuchungshaft entlassen. Wie ging dies zu?

Bei dem in Dr. Platows Besitz gelangten Schriftstück handelt es sich um die Kabinettsvorlage für das Dekartellisierungs-Gesetz, Ihr Inhalt war vielen Interessenten und auch der Presse längst bekanntgegeben worden. Dann wurde dieses Dokument jedoch Kabinettsvorlage, und damit wurde das gleiche Papier, auf Grund der Geschäftsordnung, geheim. Ministerialdirigent Risse gab dennoch einen von etwa hundert Durchschlägen, wohl aus Bequemlichkeit, einem Journalisten, der ihn um Auskunft bat. Dieser gab den Durchschlag später an Dr. Platow. Der Bonner Staatsanwalt, der dem Justizminister von Rheinland-Westfalen untersteht, erhielt daraufhin den Auftrag, die genannten Beamten wegen Geheimnisverrats zu verhaften.

Hier griff Bundesminister Dr. Erhard ein. Er erklärte, es handele sich nicht um einen Geheimnisverrat, sondern um einen Formfehler. Im übrigen dürften seine Beamten bei Dienstvergehen nur mit seiner Genehmigung verfolgt werden, da er für sein Ministerium verantwortlich sei. So gab er ein vorzügliches Beispiel. Er stellte sich vor seine Beamten und hat damit zur Festigung des Staatsaufbaus in der Bundesrepublik beigetragen. Tgl.