Von Joachim Schwelien

Seitdem Anfang März die Verhandlungen zwischen Teheran und der Weltbank über die Wiederaufnahme der Erdölförderung und -verarbeitung ergebnislos unterbrochen wurden, ist Persien „ölpolitisch“ zu einem Vakuum geworden. Es steuert langsam einem finanziellen Zusammenbruch entgegen, denn die öleinkünfte deckten etwa 60 v. H. des Devisenbedarfs für die Einfuhr und einen großen Teil der Staatsausgaben. Dennoch zögert Ministerpräsident Mohammed Mossadeq, der Urheber des Verstaatlichungsgesetzes und des Konflikts mit der Anglo-Iranian-Oil Company (AIOC), mit neuen Vorschlägen herauszukommen, die für Großbritannien annehmbar wären. Er denkt an die Kugeln der fanatisch-nationalistischen Fidayan-Sekte, die seinen Vorgänger Razmara Anfang vorigen Jahres und Hussein Fatemi, seine rechte Hand, vor wenigen Wochen niederstreckten. Auch rechnet er wohl damit, daß die Finanzkrise Persien nicht völlig umwerfen kann.

Von seinem beharrlich verfolgten Kurs kann Mossadeq schwerlich abweichen. Ebenso wie er halten sich auch die AIOC und die britische Regierung zurück, in der Hoffnung, daß sich die Verhältnisse in Persien doch noch ändern werden und daß dann ein verständigungsbereiter Kurs die Oberhand gewinnen könne. Abwartend verhält sich auch der Schah, der die Verstaatlichungsdekrete zwar unterzeichnet hat, aber zu Zugeständnissen an die Engländer bereit wäre, wenn sich nur ein geeigneter Vorwand böte, um seinen Ministerpräsidenten loszuwerden. Völlig still scheint die Sowjetunion zu bleiben, vor deren ölhungrigen Augen. die ergiebigen südpersischen Felder und Bohrtürme liegen. Die Passivität des Kreml war für die Öffentlichkeit die überraschendste Begleiterscheinung der persischen Krise. Als im Sommer vorigen Jahres britische Fallschirmtruppen nach Cypern verlegt und Kriegsschiffe in Marsch gesetzt wurden, befürchtete die Welt ein zweites Korea. Der Vertrag vom 26. Februar 1921 hätte der Sowjetunion die Handhabe geboten, in Nordpersien einzumarschieren, wenn Großbritannien Südpersien besetzt hätte. Weder das eine noch das andere geschah. Nach dem Abzug der britischen Techniker und der Stillegung der Raffinerie von Abadan, die mit ihrer Kapazität von 27 Mill. Tonnen Rohöl jährlich die größte der Welt ist, wurden dann persische Stimmen laut, nun werde das Öl eben an andere Kunden verkauft und die Raffinerie mit HIiife „neutraler“ Fachleute wieder in Betrieb, genommen werden. Auch um diese Pläne ist es stiller geworden. Fachleute, unter ihnen einige aus der sowjetischen Zone Deutschlands, aus Rumänien und aus Ungarn sollen zwar inzwischen in Abadan eingetroffen sein. Doch es würde nicht viel nützen, wenn es ihnen gelänge, die Anlagen in Betrieb zu setzen. Ziemlich kleinlaut bekannte die persische Regierungspresse Mitte März: „Weder die Sowjetunion noch ihre Satellitenstaaten haben ein ernstgemeintes Angebot an Persien gerichtet.“

Wie hätten sie es auch tun sollen. Das persische Öl müßte einen weiten Weg nehmen, ehe es der sowjetischen Volkswirtschaft zugute käme. Und die Ostblockstaaten haben keine Möglichkeit, das Öl abzutransportieren, selbst wenn sie gewillt und imstande wären, es von Persien zu kaufen. Fast die gesamte Welt-Tankertonnage von über 20 Mill. Tonnen ist in den Händen westlicher Nationen. Der sowjetische Tankerraum soll sich auf nur etwa 180 000 Tonnen belaufen Es war sehr eindrucksvoll, daß die britischen und amerikanischen Ölproduzenten und Vertriebsgesellschaften trotz ihrer Konkurrenz solidarisch handelten. Für die Sowjetunion und für Persien wird kaum ein westlicher Tanker fahren, der Bau von Pipelines nach Nordpersien aber würde Jahre dauern und der Bahntransport nach der Sowjetunion ist ausgeschlossen. So sehr die Sowjets auch die persische Erdölerzeugung locken mag, die mit rund 32 Mill. Tonnen etwa an fünfter Stelle der Weltproduktion liegt, so klar wird Stalin sich darüber sein, daß die Sowjetunion nicht imstande ist, hier zum Zuge zu kommen. Nicht einmal ein erfolgreicher Putsch der Tudeh-Partei könnte das Öl dazu bewegen, nach Norden zu fließen.

Dennoch bleibt es erstaunlich, daß die Sowjets die einmalige Gelegenheit nicht nutzten, um den auf ihrem Öl sitzenden, in wirtschaftliche Schwierigkeiten geratenden Persern wenigstens soweit unter die Arme zu greifen, daß sie den Einfluß der Engländer und Amerikaner auf längere Zeit hätten ausschalten können. Neben technischen Momenten müssen also auch politische Erwägungen den Kreml davon abgehalten haben, in das derzeitige „Vakuum“ Persien wenigstens durch wirtschaftspolitische Maßnahmen einzudringen. Wahrscheinlich ist die Zurückhaltung der Sowjets im persischen Konflikt durch die Überlegung bestimmt, daß die hier geübte britisch-amerikanische Solidarität sich gefährlich verstärken könnte. Denn säßen die Sowjets in der Raffinerie von Abadan, so müßten sich sowohl die Engländer wie die Amerikaner fragen, wann die Sowjets ihre Hand auch nach den Ölvorkommen von Kuwait und Saudiarabien ausstrecken. Ein von der Sowjetunion hervorgerufener Streit um Persien könnte also zu einem Brand führen, der von Öl genährt und daher sehr schwer einzudämmen wäre. Offenbar will ihn auch Moskau vermeiden.

Für die Welterdöl Wirtschaft – Jahresproduktion des Westens über 500 Mill. Tonnen – ist der Ausfall Persiens praktisch ohne Rückwirkung geblieben. Weder stiegen die Preise, noch traten Versorgungsschwierigkeiten auf. Die Zusammenarbeit des Foreign Petroleum Supply Committee (19 amerikanische Gesellschaftenangeschlossen) mit dem U. K. Oil Supply and Advisory Committee (Großbritannien) trugihre Früchte. DerLeidtragende des Ölstreiks ist vorläufig Persien selbst. Es hat mit der Verstaatlichung zunächst ins Leere gestoßen, und solange es sich mit der AIOC nicht über Bedingungen einig werden kann, die der Gesellschaft auch künftig einen maßgebenden Einfluß auf Verarbeitung und Absatz des persischen Öls sichern, wird das Land schwerlich einen Ausweg aus seinen gegenwärtigen Schwierigkeiten finden.