Von Chr. E. Lewalter

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts widerfuhr es dem Premierminister Gladstone, dem grand old man der spätviktorianischen Zeit, daß er bei einer großen Rede im Unterhaus ein Zitat aus der „Aeneis“, das er lateinisch einflocht, nur zwei Hexameter lang präsent hatte. Dann blieb er stecken und mußte abbrechen. Aber die Pause, die entstand, war kurz. Denn wie ein Mann erhoben sich alle Abgeordneten, Regierungspartei und Opposition, von den Sitzen und zitierten lateinisch die Vergil-Stelle weiter, bis Gladstone abwinkte.

Ein solches Vorkommnis wäre heute in keinem europäischen Parlament mehr möglich. Mit dem Hersagenkönnen antiker Verse ist es inzwischen, wie mit der klassischen Bildung überhaupt, unter den Gebildeten rapide bergab gegangen – auch gerade bei uns in Deutschland so gründlich, daß jüngst Ernst Robert Curtius, ohne Widerspruch zu finden, den Tod des Humanismus konstatieren konnte. Der Umgang mit „den Alten“ ist zum esoterischen Besitz einer kleinen Eliteschicht von Gelehrten und Liebhabern geworden – eine Spezialität, ein hobby unter vielen anderen, nicht mehr die verbindliche Grundlage einer Lebensgesinnung.

Die abendländische Kultur hat ihre Wurzeln in der Antike und im Christentum. Homer und Sophokles, Cicero und Vergil sind an den Rand gedrängt worden – sollte es der Bibel ähnlich ergehen?

Noch vor hundert Jahren erwartete man von jedem rechtschaffenen Deutschen, daß er auch „bibelfest“ sei, und auch so entschiedene Gegner des Christentums wie Schopenhauer, Marx oder Nietzsche kannten sich in der Bibel aus, als seien sie Theologen. Es erging ihnen, wie es zu Beginn der christlichen Ära dem heiligen Hieronymus ergangen war: der schwor, bevor er in die Wüste zog, alle heidnische Wissenschaft, Grammatik wie Rhetorik, feierlich ab; aber jeder Satz, den er in der Wüste schrieb, hätte feinsten heidnischen Schliff. Er konnte eben nicht anders denken als gut ciceronianisch. Ebenso konnten auch die Antichristen des vorigen Jahrhunderts ihre christliche Bildung wohl verleugnen, nicht aber in sich austilgen.

Das ist anders geworden. Die heute das Christentum ablehnen oder ihm gar (was eine noch schärfere Ablehnung ist) neutral gegenüberstehen, haben wohl mancherlei zufällig aufgegriffene Kenntnisse davon, doch sie sind nicht von Jugend auf vertraut mit der Glaubenswelt der Kirchen. An ihnen wird Nietzsches Feststellung „Gott ist tot“ um so wahrer, je wohlwollender ihre Gleichgültigkeit ist. Sie halten Christus für eine Angelegenheit der Theologen und die Bibel für ein Objekt der Religionskunde. In ihrem Leben treten das Alte und das Neue Testament, wenn überhaupt, allenfalls als Diskussionsgegenstände auf. Daß die Lektüre der Heiligen Schrift sie erschüttern, aufwühlen, zu sich selbst führen könnte, das vermuten sie noch nicht einmal. Und deswegen halten sie, sofern sie Schulpolitiker sind, den Religionsunterricht für eine Spezialsache der Kirchen und hätten nichts dagegen, wenn die Jugend ganz ohne Bibel aufwüchse – und das heißt, ganz ohne Bewußtsein ihrer geistigen Herkunft.

So stehen die Dinge, wenn man sie ohne rosige Brille sieht (und das sollte man gerade zu Ostern einmal tun): Breite Schichten des deutschen Volkes sind der Bibel als dem Lebensbuch entfremdet. Nur wäre es kurzsichtig, die Ursache dafür allein im Unglauben der letzten Jahrzehnte zu suchen. Auch die Theologie hat daran mitgewirkt. Sie ist seit hundert Jahren eine „Geisteswissenschaft“, und als solche umgibt Sie den Wortlaut der Bibel mit einem solchen Dschungel von Unterscheidungen, historischen Bezügen und Interpretationen, daß der Sinn des Textes dem Nichtfachmann unerreichbar geworden ist. Aus der massiven Kette, mit der man zu des jungen Luther Zeiten die Heilige Schrift in den Klöstern vor den Blicken der Unbefugten geschützt haben soll, ist eine unsichtbare Kette geworden, die den „Laien“ vom einfachen, gutwilligen und empfängnisbereiten Lesen zurückschreckt. Und die äußere Form der Bibel als Buch – der schwarze Einband, der Goldschnitt, die Kapitel- und Versangaben, die Verweisungen – betont noch die Unzugänglichkeit, indem sie das Heilige des Textes bewußt altmodisch zur Schau trägt.