Von Karl N. Nicolaus

In einem Vortrag, den der Direktor einer großen Kinderklinik kürzlich vor Abgeordneten eines Landtages der Bundesrepublik hielt, sagte der Professor, der in kleinstem Kreis sprach, abschließend, daß die Kinder mehr als von Tuberkulose und anderen gefährlichen Krankheiten von einer besonderen Gefahr bedroht seien: vom Auto nämlich. Daß so viele Kinder „am Auto sterben“, ist eine erschütternde Feststellung.

Der Mensch hat es sich angewöhnt, abstrakt zu formulieren. Das enthebt ihn dann der Verantwortung. Und dabei sterben die Kinder nicht „am Auto“, sondern, klipp und klar herausgesagt: sie sterben an Automobilisten (die ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind). Man schiebt die Verantwortung viel zu sehr auf die „Technik“, auf den „Verkehr“, auf den „Fortschritt“ oder dergleichen. Und dabei liegt die Verantwortung ausschließlich in den Menschen. (Die Eltern, die ihre Kinder nicht genügend beaufsichtigen oder beaufsichtigen können, natürlich nicht ausgenommen.)

Daß es so nicht weitergehen kann, wird allgemein anerkannt. Und je deutlicher diese Erkenntnis wird, um so nervöser werden alle Beteiligten. Die Automobilisten schimpfen auf die Fußgänger und die Radfahrer. Die Radfahrei fluchen über die Autofahrer und die Fußgänger Die Fußgänger ihrerseits sind erbost auf die Automobilisten und die Radfahrer, und alle zusammen schimpfen sie auf die Lastwagenfahrer, Jeder fordert vom anderen, er müsse sich mehr Verkehrsdisziplin zulegen. Jeder möchte – bei der Nervosität, die das moderne Dasein auszeichnet, ist dies kein Wunder – dem anderen an die Gurgel, wenn der „fließende“ Verkehr es nicht verhindern würde.

Und natürlich fordert jeder, daß Vergehen oder Versehen oder Versagen eines Verkehrsteilnehmers der anderen Sorte „viel härter“ bestraft werden müßte. Es wird für und wider die „Abschreckungs-Theorie“ gestritten. Es wird gedroht, geschimpft, geflucht, daß es einen Hund jammern könnte, sofern die Hunde in den modernen Straßenverkehr noch hineinpassen würden.

Das ganze Verkehrsproblem droht in einem Wust von Ressentiments unterzugehen. Und währenddessen steigt die Unfallziffer. Es ist soweit, daß in der Bundesrepublik jetzt fast stündlich – Tag und Nacht und tagaus und tagein – ein Mensch tödlich überfahren wird. Ganz ist die „Quote“ noch nicht erreicht. Aber zwanzig Verkehrstote sind es schon pro Tag.

Und wohin steuert diese Entwicklung? In Amerika, dem am höchsten motorisierten Land der Welt, kommen pro Jahr 37 500 Menschen bei Autounfällen ums Leben. Seit das Auto erfunden wurde, starben in den USA insgesamt über eine Million Menschen den Verkehrstod. Das sind mehr Tote, als die USA als Kriegsopfer in acht Kriegen von 1776 bis in unsere Tage zu beklagen hatten. Das sind schreckliche Zahlen! Aber der moderne Mensch ist dagegen abgestumpft. Zahlen sind für ihn nichts als eine Anhäufung von Ziffern in Tabellen. Wenn aber ein Wandel eintreten soll, dann müssen die Zahlen in das Bewußtsein der Menschen eintreten. Man stelle sich die zwanzig Opfer, die jeden Tag im Bundesgebiet zu Tode gefahren werden, nebeneinander aufgereiht vor. Man nehme seine Phantasie ruhig zu Hilfe: man male es sich genau aus, nur so wird die Statistik ein sehr ernster Tatbestand.