Die Entwicklung der Technik, der Industrie und des Automobilverkehrs hat das Mineralöl zu einem der wichtigsten Faktoren in der deutschen Wirtschaft werden lassen. Der erfreuliche Aufschwung der deutschen Erdölförderung hat daher in der Öffentlichkeit großes Interesse gefunden; der bisher erfolgte Wiederaufbau der zum großen Teil zerstörten Raffinerien und die weiteren Ausbaupläne sind aufmerksam verfolgt worden. Gleiche Beachtung verdienen aber auch alle Fragen, die mit dem Import und dem Vertrieb von Mineralölprodukten zusammenhängen.

Bis zum Ausbruch des letzten Krieges wurde der Bedarf an Mineralölprodukten im wesentlichen durch Einfuhr aus Übersee gedeckt und nur ein geringer Prozentsatz durch Verarbeitung von aus- und inländischem Rohöl in deutschen Raffinerien. Aus letzterem wurden in erster Linie Maschinen-, Motoren- und Spezialöle sowie Bitumen hergestellt. Einen weiteren nicht unbedeutenden Raum in der deutschen Mineralölwirtschaft nahmen die Einfuhren von Halbfertigprodukten zur Herstellung von Weißöl, Turbinen- und Transformatorenöl ein, die in deutschen Verarbeitungsstätten zu einem Teil für den deutschen Konsum, aber auch für den Export produziert wurden. Gerade auf diesem Gebiet war die Mineralöl Industrie sehr exportintensiv. Mangels ausreichender Raffineriekapazitäten in Deutschland hatte die Einfuhr von Deutschland hatte im Verhältnis zur Einfuhr von Fertigprodukten eine untergeordnete Bedeutung. Für die Importe der Fertigprodukte, vorzugsweise Benzin und Gasöl, waren große Tank- und Umschlagsanlagen im Hamburger, Bremer und Stader Raum errichtet worden. An diesem Import waren unabhängige deutsche Firmen beträchtlich beteiligt.

Hand in Hand mit der Motorisierung des Verkehrs ging der Ausbau eines großen Tankstellennetzes der Ölfirmen. Diese Entwicklung wurde durch die Einführung des Zentralbüros (ZB) unterbrochen und führte dazu, daß entsprechend der Marktanteile Mitte 1939 ein Quotensystem im Zentralbüro errichtet wurde. Es wurde bei dieser Regelung ein Unterschied zwischen den sogenannten A-Firmen, bestellend aus den Großgesellschaften, und den B-Firmen, bestehend aus den mittelständischen Vertriebsfirmen, gemacht Dieses Quotensystem blieb bis zur Auflösung des ZB am 1. April 1951 bestehen. Die sowohl von einzelnen Behördenstellen als auch von einigen Wirtschaftskreisen gehegten Befürchtungen bezüglich einer reibungslosen Versorgung des Marktes nach Auflösung des ZB haben sich als völlig unbegründet erwiesen. Es hat sich hierbei wieder einmal gezeigt, daß die freie Unternehmertätigkeit nach Abstreifung behördlicher Fesseln Engpässe sehr gut zu überwinden versteht.

Nach 1945 ist seitens fast aller Inhaber von Mineralölraffinerien Erstaunliches in bezug auf den Wiederaufbau und die Modernisierung der alten Betriebe, auch mit Unterstützung von Marshall-Plan-Geldern und anderen Finanzierungsmöglichkeiten, geschaffen worden. Insbesondere in den letzten Jahren setzte ein starker Ausbau der Raffineriekapazität in Deutschland ein, der das Schwergewicht vom Import von Fertigprodukten auf die Einfuhr von Rohöl und dessen Verarbeitung zu Fertigprodukten in deutschen Verarbeitungsstätten verlagerte.

Die wirtschaftlichen Gegebenheiten lassen es tunlich erscheinen, daß auch weiterhin in gewissem Umfange Fertigprodukte importiert werden. Es soll hiermit jedoch nicht die Notwendigkeit eines angemessenen Schutzes für die Verarbeitung von ausländischem und deutschem Rohöl in deutschen Raffinerien außer acht gelassen werden, obwohl der Zwang zur Rationalisierung für alle Raffinerien im zukünftigen europäischen Wirtschaftsraum notwendig wird. Neben dem dominierenden Marktanteil einiger Großgesellschaften auf dem Gebiete der Benzin- und Gasöl-Verteilung hat die Produktion von Schmierölen, in erster Linie aus deutschem, zu einem geringeren Teil aus ausländischem Rohöl, in deutschen Verarbeitungsstätten hergestellt, eine führende Stellung erworben. Der Marktanteil des mittelständischen Schmierölgroßhandels umfaßt auch heute noch etwa 50 v. H. des gesamten deutschen Konsums.

Bezüglich der derzeitigen und geplanten Raffineriekapazität sind nun erhebliche Diskrepanzen zum deutschen Inlandsverbrauch entstanden, was zu der Überlegung Anlaß gegeben hat, die Höhe der Zuteilung von Devisen für Rohölimporte mit dem Umfang des voraussichtlichen deutschen Inlandsbedarfes abzustimmen. Es muß füglich bezweifelt werden, ob es mit Rücksicht auf die Größe der deutschen Raffinerien möglich sein wird, in einem erfolgreichen Wettbewerb auf den europäischen Märkten konkurrieren zu können. Bei dieser Sachlage wäre es nicht verständlich, wenn ad libitum Devisenzuteilungen für Rohöleinfuhren erteilt würden, die über die deutschen Marktbedürfnisse hinausgehen.

Die steigende Bedeutung der Mineralölwirtschaft in Deutschland spiegelt sich auch in den erheblichen Einnahmen des Fiskus wider. Die sehr starke Entwicklung des Verkehrs, insbesondere in den USA, wäre zweifellos bei stärkerer fiskalischen Belastung des Benzinpreises unmöglich. Die wirtschaftliche Konsequenz wird dadurch in etwa erkennbar, daß es in den USA etwa 40 Mill. Personenkraftwagen gibt und damit das Kraftfahrzeug zu einem echten Volkswagen geworden ist, während die Gesamtzahl der zugelassenen Pkw in Deutschland nur 800 000 beträgt und das Automobil noch nicht als Verkehrsnotwendigkeit, sondern als Luxus angesehen wird. Ernst jung