Von unserem Bonner Korrespondenten Robert Strobel

Die erste persönliche Begegnung zwischen dem Kanzler und seinem jetzigen Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Walter Hallstein, soll Professor Röpke herbeigeführt haben, der deutsche Nationalökonom, der jetzt einen Lehrstuhl an der Universität Genf hat. Ihm hatte Dr. Adenauer zunächst die Leitung der Schumanplan-Kommission zugedacht; er schlug statt dessen seinen Schüler Hallstein vor. Das ernste Wesen des Frankfurter Professors, der bei aller Zurückhaltung, die ihm der wissenschaftliche Beruf anerzog, von einem starken Drang zum tätigen Handeln beseelt ist, seine Sachlichkeit, die ihn im allgemeinen impulsive oder gar leidenschaftsbetonte Formulierungen vermeiden läßt, müssen auf den Kanzler einen starken Eindruck gemacht haben. Er ernannte ihn bald nach jener ersten Unterredung zum Leiter der Schumanplan-Delegation und einige Zeit später zum Staatssekretär. Der stille, in sich gekehrte Junggeselle, der lieber bei seinen Büchern als unter Leuten weilt und, wenn er nicht gerade an einem Diner teilnehmen muß, am liebsten in einer kleinen Kneipe sein Essen einnimmt, weil er sich dort vor lästigen Fragern geschützt weiß, geht ganz in der Arbeit seines Amtes auf. Abgesehen von einem starken Interesse für gute neue Bücher und einer alten Passion für Barlach soll er kaum ein Hobby haben.

Mit Recht hat das Auswärtige Amt den Angriffen, die in letzter Zeit gegen seine Personalpolitik gerichtet wurden, den Einwand entgegengehalten, man könne bei dem Aufbau einer solchen Behörde nicht auf sachkundige, berufserfahrene Kräfte verzichten. Aber hätte dieser Grundsatz nicht gerade für die Auswahl des höchsten Beamten maßgeblich sein müssen? In den handwerklichen Fragen des Metiers pflegt sich ein Minister, der doch oft aus einem ganz anderen sachlichen Bereich kommt, im allgemeinen auf seinen Staatssekretär zu verlassen. Von ihm erwartet man, daß er, ruhender Pol im Wandel der politischen Konzeption, den Apparat kennt und beherrscht, mit dessen Hilfe er die Politik seines jeweiligen Chefs unterstützt.

Niemand zweifelt an den hervorragenden Fähigkeiten des Wissenschaftlers Hallstein. Er hat sie in international anerkannten Werkes bewiesen. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes aber muß über eine spezielle Berufserfahrung verfügen, beispielsweise über jene, nur in jahrzehntelanger Beobachtung zu gewinnende Erkenntnis sachlicher und persönlicher Zusammenhänge, die die Beurteilung einer Situation oder der voraussichtlichen Reaktion des Partners so sehr erleichtert. Über diese notwendige Erfahrung verfügt Staatssekretär Hallstein natürlich nicht. Es fragt sich also, ob die Funktionsfähigkeit des Amtes nicht Schaden nehmen muß, wenn Minister und Staatssekretär beide mit den Eigentümlichkeiten des Amtes nicht genügend vertraut sind.

Der Kanzler hat den Staatssekretär gegenüber den Angriffen der Opposition als „eine tüchtige Kraft“, die für ihn unentbehrlich sei, in Schutz genommen. Professor Hallstein hat Leistungen vollbracht, für die die Qualifikation „tüchtig“ bei weitem nicht ausreicht. Wir denken dabei an seine Arbeiten auf dem Gebiete der Rechtsvergleichung. Aber wir denken dabei auch an seine kluge Vorbereitung unserer späteren Beteiligung an der UNESCO, an die geschickte Art, in der er als Rektor der Frankfurter Universität Fäden zu der Universität Chikago knüpfte, mit der seither ein organisierter Professoren-Austausch be- – steht. Und wir denken – um ein anderes Beispiel für seine Vielseitigkeit und seine geistige Umstellungsfähigkeit zu nennen – an seinen Eifer, mit dem er sich in kurzer Zeit eine auch den Wirtschaftsexperten verblüffende Kenntnis wirtschaftlicher Tatsachen aneignete, die er als deutscher Delegationsleiter bei den Schumanplan-Verhandlungen wissen mußte. Aber bei allem Respekt für diese Leistungen – sie machen aus ihm noch keinen Praktikus des Auswärtigen Dienstes.

Man hat ihm aus seinen Äußerungen bei seiner letzten Reise in die Vereinigten Staaten zum Teil bewußt übertriebene Vorwürfe gemacht. Ein Routinier hätte sie vermutlich vermieden. Aber man sollte nicht vergessen, daß es auch nicht Aufgabe eines Staatssekretärs ist, selbständig und ohne sachkundige Begleitung Besuchsreisen in fremde Länder zu unternehmen. Natürlich können wir heute unter keinen Umständen auf das Verhandlungsgeschick und die Kenntnisse des Staatssekretärs Hallstein verzichten, aber vielleicht ließe sich ein Weg finden, ihn von jenen Geschäften zu entlasten, bei denen Erfahrung und Routine eine überragende Rolle spielen.