Über drei Millionen D-Mark haben die Norweger von 1946 bis jetzt für notleidende Deutsche gespendet. Norwegen hat 2 1/2 Millionen Einwohner; das heißt also, jeder Norweger hat etwa 1,50 D-Mark gegeben. Norwegen war aber im Kriege von deutschen Truppen besetzt, und mancher norwegische Patriot hatte unter den Deutschen zu leiden. Einige starben, viele kamen ins Konzentrationslager. Einer dieser ehemaligen KZ-Häftlinge, der Norweger Arne Thorgersen, wohnt heute in einer Villa in Hamburg. Er bewohnt sie seit 1946. Er ist der Leiter der Norwegischen Hilfsaktion, Abteilung Deutschland. Die Millionenbeträge, von denen eben die Rede war, sind durch seine Hände gegangen.

„Es war zunächst schwer, für Deutschland etwas zu bekommen“, berichtet er, „ich habe im Jahre 1946 eine Rede vor norwegischen Pfarrern und Bischöfen gehalten und sie auf die Not in Deutschland aufmerksam gemacht. Ein Pfarrer stand auf und erwiderte mir: ‚Die Deutschen können nicht erwarten, daß wir ihnen helfen.‘ Aber ein älterer Amtsbruder, dessen Sohn von den Deutschen noch am 10. April 1945 erschossen worden war, sagte ihm: ‚Wir müssen endlich anfangen, die Welt zu ändern. Vielleicht ist die beste Änderung die, daß wir wieder Christen werden/ Und zu mir, gewandt: ‚Setzen Sie mich als Spender auf Ihre Liste, Herr Thorgersen‘.“

Die Norweger stehen an der Spitze aller Völker, die Deutschland helfen. Ein paar Tage vor Weihnachten 1951 begann der Osloer Kinderfunk eine seiner Sendungen mit der Bitte um Weihnachtspäckchen für deutsche Kinder. Man hatte mit etwa 400 Päckchen gerechnet. Es kamen fast 30 000. – „Wir Norweger“, so sagt Arne Thorgersen,’ „haben eine ursprüngliche Freude am Geben und Schenken, vor allen Dingen den Menschen gegenüber, die uns nichts geschenkt haben. Aber bitte mißverstehen Sie mich nicht: es ist kein Puritanismus in unserer Haltung, kein ‚Seht mal, so sind wir‘. Unsere Hilfe für Deutschland hat bis heute nicht nachgelassen. Jährlich verschicken wir noch 300 deutsche Kinder aufs Land nach Norwegen. Wir bitten vorher durch unsere Organisation, die den norwegischen Kirchen angeschlossen ist, um Adressen. Außerdem beteiligen wir uns an der Finanzierung von Jugendheimen, Lehrlingswerkstätten und Jugendherbergen.“

Diese Finanzierung geschieht, so: Arne Thorgersen erkundigt sich, wo irgendwo ein solches Projekt geplant wird, aber an der mangelnden finanziellen Unterstützung der deutschen Stellen scheitert. Dann übernimmt die Norwegische Hilfsaktion etwa ein Drittel bis zur Hälfte der finanziellen Kosten. „Sobald wir uns dazu bereit erklärt haben, kommt irgendein deutscher Spender oder auch der deutsche Staat dazu“, sagt Thorgersen. „Diese Erfahrung haben wir jetzt schon oft gemacht. Was in Deutschland fehlt, ist weniger das Geld als die Initiative. Wir müssen fast immer den ersten Schritt tun.“

Auch jetzt noch, im Jahre 1952, hält die inländische Hilfe für Deutschland also an. In einem kleinen Zimmer an einer Hamburger S-Bahn-Station mit dem Blick auf Gleisanlagen und hin und her rangierenden Güterzügen wohnt Frau Andersen. Frau Andersen ist Schwedin, 45 Jahre alt. In ihrem Zimmer steht auf dem Schreibtisch eine kleine schwedische Fahne, darüber hängt ein Buntdruck: ein Mühlrad, eine grüne Wiese und im Hintergrund eine Kirche. Frau Andersen leitet mit nur einem einzigen Helfer die Schwedische Flüchtlingshilfe für Deutschland, die aus einem besonders engen religiösen Kreis der Lutherischen Kirche in Schweden, den „Philadelphia-Gemeinden“, entstand. Frau Andersen leitete bis 1950 in Warschau die Hilfe der „Gemeinden“ für Polen. Dann wurde sie ausgewiesen, ihr Verlobter, ein Pole, in ein Konzentrationslager geschickt. Jetzt ist ihre Hauptaufgabe die Speisung Tbc-kranker deutscher und ausländischer Kinder in Lagern bei Hamburg. Als diese Speisung begann, gab’s einen kleinen Streit zwischen Frau Andersen und den deutschen Stellen: die deutschen Leiter nämlich baten Frau Andersen, ihnen doch das Geld für die Speisung zu geben, damit sie das Essen dann organisieren, könnten. Aber die Schwedin verlangte: eigene Kessel in den Lagern, eigenes Geschirr und eigene Angestellte. Denn: „Ich will sehen, wie die Kinder meine Lebensmittel essen, wer weiß, wo sie sonst hinkommen.“ Ihr Mißtrauen richtet sich nicht gegen die deutschen Behörden, sondern gegen die Bürokratie. Sie selber besitzt nur ein einziges Formular, auf dem die Notleidenden den Empfang von Kleidern bestätigen müssen.

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Mrs. Pye, eine Engländerin, vertritt in Deutschland den Weltkirchenrat. Diese Organisation der Lutherischen Weltkirche hat von 1949 bis heute Geld- und Sadiwerte von insgesamt 50 Millionen D-Mark nach Deutschland geschickt.