Am 15. April jährt sich zum 500, Male der Geburtstag des Leonardo da Vinci

Von Martin Rabe

Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt, diese Worte aus dem Faust könnten ein Motto sein für das Leben des Leonardo da Vinci. „Wie ihm, bei angeborener Kunstfertigkeit, die Natur nachzuahmen leicht war“, schreibt Goethe in seiner Beschreibung von Leonardos Abendmahl, „so bemerkte sein Tiefsinn gar bald, daß hinter der äußeren Erscheinung, deren Nachbildung ihm so glücklich gelang, noch manches Geheimnis verborgen liege, nach dessen Erkenntnis er sich unermüdet bestreben sollte; er suchte daher die Gesetze des organischen Baus, den Grund der Proportion, bemühte sich um die Regeln der Perspektive, der Zusammenstellung, Haltung und Färbung seiner Gegenstände im gegebenen Raum, genug, alle Kunsterfordernisse suchte er mit Einsicht zu durchdringen.“ Spürte Goethe, als er dies schrieb, die Verwandtschaft, die ihn, den Dichter und Forscher, mit dem Maler und Forscher Leonardo durch das Medium der Anschauung verband?

So schreibt Leonardo selbst: „Die Malerei ist im Besitz eines zwingenden Erfolges, der allen Generationen der Welt mitteilbar ist, denn ihr Endziel ist der Sehkraft Untertan Wer das Gesicht verliert, der verliert den Anblick des Weltalls und ist gleich einem, der lebendig in ein Grab eingesperrt wird. Siehst du nicht, daß das Auge die Schönheit der ganzen Welt umfaßt? Es ist das Oberhaupt der Astronomie, es bewerkstelligt die Kosmographie, es berät und berichtigt die menschlichen Künste. Es treibt den Menschen nach den verschiedenen Weltgegenden hin. Es ist der Fürst der mathematischen Fächer, seine Wissenschaften genießen höchste Sicherheit. Es hat Höhe und Größe der Sterne gemessen, die Elemente und ihre Lage aufgefunden, und es ermöglicht, aus dem Lauf der Gestirne die zukünftigen Dinge vorauszusagen. Es hat die Architektur und die Perspektive und endlich die göttliche Malerei erzeugt.“ Diese Kunst also, diese göttliche Kunst der Malerei, ist für ihn das Mittel, Anschauung wiederzugeben und mitteilen zu können.

Was sich uns in der Natur darstellt; ist für Leonardo ein Scheinbild, und zwar in doppelter Hinsicht. Zunächst: seine wirkliche Form ändert sich ständig durch den Luft-Lichtraum, der zwischen dem Objekt der Betrachtung und unserem Auge liegt. „Je größer die Dichte der transparenten Schicht zwischen Auge und Objekt ist, um so mehr wandelt sich die Farbe des Gegenstandes in die Farbe der transparenten Zwischenschicht um.“ Hier üben zudem Tages- und Jahreszeiten und atmosphärische Veränderungen ihren Einfluß aus. Neben der Zentralperspektive, die er nur erwähnt, ohne sie zu beschreiben, hat Leonardo in seinen Aufzeichnungen über die Optik die Farb- und Luftperspektive ausführlich dargestellt und in Beispielen erläutert. Zum zweiten aber ist für ihn die äußere Erscheinung auch deswegen ein Scheinbild, weil sie beim Menschen nur die Ausprägung seelischer Zustände und Eigenschaften, in der Natur nur das ständig wandelbare Ergebnis von Werden und Vergehen ist. Dies durch malerische Mittel darzulegen, darin hat Leonardo die Aufgabe seiner Kunst gesehen.

Ganz von selbst entwickelte sich daraus seine Malweise des sfumato, der dichten, feuchten, zugleich sonnenhaften und nebligen Luft, in der die Ferne verschwimmt und dennoch die Nähe ihr zugehörig bleibt, so daß die Bilder gewissermaßen vom Hintergrund nach vorne hin gemalt sind, und, Figuren und Porträts, malerisch genommen, als Scheinbilder der dichten Atmosphäre angehören. Andererseits sollen die gleichen Figuren und Porträts nach Leonardos Forderung auch geprägte Formen konstanter seelischer Kräfte und gleichzeitig ständig wechselnder Stimmungen, also gewissermaßen ununterbrochen im Aufbruch und in der Bewegung sein. Und in der Tat ist dies ein besonderes Kennzeichen Leonardoscher Kunst. Er hat als erster, also ohne Vorgänger und schon in der Jugend meisterhaft, die Dynamik in die bildende Kunst eingeführt. „Ein guter Maler“, schreibt er in einem seiner Merkbücher „hat zwei Dinge darzustellen, nämlich der Menschen und die Absicht seiner Seele. Das erstere ist leicht, das zweite schwer, denn es muß durch die Gesten und Bewegungen der Gliedmaßen ausgedrückt werden. Das soll man von den Taubstummen lernen, denn die machen sie besser als andere Menschen.“

Schon auf seinem frühesten Bilde, das uns bekannt ist, der kleinen Verkündigungstafel im Louvre, kann man erkennen, um was es ihm dabei geht. Der Engel kniet nicht, wie sonst in den Bildern jener Zeit, vor Maria, er ist soeben angekommen von seinem Fluge, er hält über Blumen und Gras, wie hingeweht, flüchtig und unirdisch. Jener andere Engel, den der junge Leonardo damals gemalt hat, der berühmte linke auf dem Bilde des Verrocchio, der Taufe Christi, ist in seiner enthusiastischen Anbetung, in der Wendung des Körpers, die einem Sich-Erheben gleichkommt, so lebendig, daß er zu der Legende Anlaß gegeben hat, Verrocchio habe, nachdem ihm dieses Stück Malerei seines Schülers vor Augen gekommen sei, nie wieder einen Pinsel angerührt.