„Nachwuchs“-Abend in in den Hamburger Kammerspielen

Von Paul Hühnerfeld

Etwas über zwei Stunden dauerte es: dann waren sie alle zu Menschen geworden; die beiden Fremdenlegionäre, der ehemalige SS-Mann, der Jude, ein Vater, eine Mutter, ein Zimmermann ... Sechs Autoren hatten ihnen in fünf Stücken dazu verholfen, Regisseure vom Rang eines Erwin Piscator und Helmuth Käutner Beistand geleistet; ein Dramaturg aber, Günther Weisenborn, war für den gesamten Abend der „Menschlichkeit“ verantwortlich. Er hatte in einem Preisausschreiben als Thema „Des Menschen Grundgesetz“ gestellt, und diese fünf Stücke als die besten für die Aufführung ausgewählt. Sie befaßten sich, also ausschließlich mit solchen Artikeln des Grundgesetzes der Bundesrepublik, von denen die Autoren meinten, daß sie verletzt worden seien.

Das erste hieß „Keines Volkes Söhne“, und kaum ging der Vorhang auf, da schrien sie auch schon: zwei deutsche Fremdenlegionäre, aus der Legion nach Italien desertiert, und eine italienische Kneipenwirtin, die diese nicht zahlenden Gäste verständlicherweise los sein wollte. Nun drehte es sich um den Inhalt eines Zeitungsausschnitts, aus dem hervorging, daß früher nach Deutschland zurückgekehrte Legionäre gegen das Grundgesetz wieder an Frankreich ausgeliefert worden waren. Unsere beiden Helden versuchen deshalb die Rückkehr nach Deutschland erst gar nicht, sie wettern gegen die Welt und die Menschheit, die ihnen überhaupt noch kein Unrecht getan haben. Und dieses Wettern hält der Autor Jomeyer offenbar für einen dramatischen Konflikt.

Dieter Rohkohl hatte als einziger eine Komödie, geschrieben nach dem viel diskutierten bayrischen Prozeß, aus dem sich ergab, daß „Oberidiot“ bald Umgangssprache, bald Beleidigung sein kann. Aber die „Pointen“ kommen etwa so: als die Frau des Beleidigten ihren Mann zu beruhigen sucht und meint, er werde im Bundestag in Bonn doch auch beleidigt, da antwortet der: „Ja, aber da gibt’s höhere Diäten.“

Von da an verließ die Geschmacklosigkeit die Hamburger Kammerspiele an diesem Abend nicht mehr. Wir können uns vorstellen, daß es Autoren gibt, die das Problem der Homosexualität mit feinen Nuancierungen und Behutsamkeit aufgreifen. Rolf Italiaander aber führte das Plädoyer dergestalt, daß in einer braven Familie der Sohn „abwegig“ veranlagt ist und zuerst von der Mutter und dann vom Vater nach langem Kampf verstanden wird. Das „Recht auf sich selbst“ sollte dadurch dramatisiert werden. Aber es wäre wohl besser gewesen, dieses Recht an einem weniger problematischen Beispiel aufzuzeigen.

„Der Befehl“ hieß das letzte Stück von Helmuth Kleffel. Das Thema: Kriegsdienstverweigerung. Doch dem starrköpfigen Zimmermann kam die Umwelt so weit entgegen, daß er nicht wie ein Idealist, sondern verbohrt wirkte. Der Kampfkommandant der bedrohten Stadt zum Beispiel unterhält sich lang und breit mit ihm und bietet ihm den Sanitätsdienst an, während der Feind schon in die Stadt eindringt...