Von Walter Fredericia

Wer in unserer furchtbesessenen Zeit, in der sich auf Angst und Sorge ganze philosophische Systeme errichten lassen, ein Programm mit dem Titel „An Stelle von Furcht“ zu offerieren hat, kann gewiß Anspruch auf Beachtung erheben. Besonders wenn er ein so interessanter Mann ist wie der „Labour-Rebell“ Aneurin Bevan, Führer des linken Flügels, enfant terrible und zeitweise Pfahl im Fleisch der Bürokratie der Arbeiterpartei. Es ist möglich, daß Bevan nach den nächsten Parlaments wählen, wenn die Konservativen, die bei den jüngsten Gemeindewahlen Rückschläge erlitten, geschlagen werden sollten, an Stelle von Attlee in das Haus des britischen Ministerpräsidenten einziehen wird. Unter dem Titel „An Stelle von Furcht“ (In Place of Fear) hat er jetzt ein programmatisches Buch veröffentlicht. Aufregung und Ablehnung sind groß in der englischen Presse. Der Manchester Guardian schreibt, „wenn die darin enthaltenen politischen Ideen befolgt würden, dann würde Bevan uns alle, Arbeiter und andere in gleicher Weise, von der Furcht ins Desaster führen“. Und der labourfreundliche Daily Mirror bezeichnet das Buch als eine Bombe, „die genau unter dem Sitz der Labour-Führung angebracht wurde“.

Bevan ist kein primitiver Mann. Im Gegensatz zu den meisten Politikern sieht er nicht nur einzelne, im Verhältnis des Konflikts oder des Ausgleichs stehende Machtfaktoren in der Politik, sondern er dringt tiefer ein, erkennt den soziologischen Unterbau der politischen Vorgänge. So überschreibt er mutig gleich das erste Kapitel seines Buches „Armut, Reichtum und Demokratie“. „Die Funktion der parlamentarischen Demokratie unter dem allgemeinen Wahlrecht bedeutet historisch betrachtet“, sagt er, „das Privileg des Reichtums dem Angriff des Volkes auszusetzen ... In der kapitalistischen Gesellschaft wird entweder die Armut die Demokratie benutzen, um den Kampf gegen das Eigentum zu gewinnen, oder das Eigentum wird, aus Furcht vor der Armut, die Demokratie zerstören“ Man sieht gleich, daß hier Marx mitredet. Bevan gibt es auch zu: „Insofern ich überhaupt eine politische Schulung erhalten habe, so war es die von Marx.“ Doch glaubt er, kein Marxist mehr zu sein. Er lehnt die Diktatur des Proletariats ab, er ist Demokrat, wenigstens solange er in der Opposition ist, sei es gegen Churchill, sei es gegen Attlee: „Das einzige System, das sich mit den Bedürfnissen einer modernen industrialisierten Gemeinschaft verträgt, ist die Demokratie.“

Bevan hat den Vorzug des Marxisten, nämlich die wirtschaftlichen Beweggründe der historischen Entwicklung zu sehen, und ebenso seine Schwäche, nämlich nur die wirtschaftlichen Beweggründe zu sehen. Dieser Simplifikation, die seiner ökonomistischen Weltanschauung entspringt, verdankt Bevan wie andere Marxisten seine Formulierungen, die oft glänzend, aber, weil sie immer nur eine der vielen Seiten der Probleme beleuchten, stets unfruchtbar sind. Aus dieser Schau kommt man zu keiner Lösung, außer zur Stalinsehen, und kein Bekenntnis zur parlamentarischen Demokratie hilft darüber hinweg. Man sieht das am deutlichsten, wo Bevan versucht, sein Programm vom stalinistischen Kommunismus abzugrenzen – den titoistischen scheint er sympathischer zu finden. Denn wenn er die „Tragödie der Sowjetunion“ darin sieht, daß es „die ökonomische Funktion des Polizeistaates ist, den Konsum der Bevölkerung niedrig zu halten, besonders bei der Agrarbevölkerung, während ihr Produktionsüberschuß für den Aufbau der Schwerindustrie in Anspruch genommen wird“, so klingt es eher wie eine Rechtfertigung, denn wie eine Kritik. Ebenso mißlingt die Abgrenzung, wenn er zwar anzugeben weiß, wie man den Kapitalismus beseitigt, nämlich durch Verstaatlichung der Produktionsmittel, nicht aber, wie man den Sozialismus verwirklicht. „Der Übergang der Industrie in öffentliches Eigentum ist nur der erste Schritt zum Sozialismus“, sagt er. Dasselbe sagt man aber in Moskau, und dort ist es auch dabei geblieben. Weiß Bevan etwas Besseres? „Der Fortschritt vom Staatseigentum zum vollen Sozialismus hängt von dem Ausmaß ab, in dem die Arbeiter des nationalisierten Sektors zum Verständnis eines geänderten Verhältnisses zwischen sich selbst und der Leitung ihres Unternehmens kommen.“ Jeder sieht, daß damit gar nichts gesagt ist. Dafür schlägt Bevan eine totale Planwirtschaft vor: Konsum nicht nach der Wahl des Konsumenten, sondern nach einer von der Regierung festgesetzten Rangordnung. Nach dieser wird produziert: „Die Wahl des Verbrauchers ist nicht länger der König des Marktes“ – der Verbraucher hat zu nehmen, was ihm der Staat gibt; das führt allerdings, wie wir alle wissen, in denjenigen Gütern, die der Verbraucher gern wählen würde, zur Rationalisierung. Es ist nämlich die Tragödie nicht nur der Sowjetunion, sondern der marxistisch orientierten Ökonomie überhaupt, daß sie weniger produziert als die Marktwirtschaft. Es läßt sich daher das, was Bevan den „Reichtum“ nennt, nur beseitigen um den Preis, daß die Armen noch schlechter leben als zuvor. Dies kann Bevan aber nicht anerkennen, sonst müßte er aufhören, Rebell und Revolutionär zu sein.

Wer solche Ziele hat und solche Urteile über die Sowjetunion, muß natürlich den US-Kapitalismus und -Imperialismus angreifen. Bevan tut es mit viel Temperament. Die Aufrüstung ist seiner Meinung nach überflüssig, weil die Sowjetunion friedlich ist und weil die West-Ost-Auseinandersetzung durch Konkurrenz der Weltanschauungen und der Volkswirtschaften gewonnen werden müsse. Um den sozialen Überdruck des revoltierenden Ostens zu mildern, müsse man ihn finanzieren, seinen Industrialisierungsprozeß erleichtern, nicht erschweren. Bevan ist so optimistisch, zu glauben, daß im Zuge der Industrialisierung auch der sowjetische Arbeiter selbstbewußter werden und daher Freiheiten fordern und durchsetzen werde, nach dem Beyerschen Gesetz, daß die Demokratie das einzige System ist, das sich mit einer industrialisierten Gemeinschaft verträgt.

Dieser Teil des Buches ist in England am schärfsten kritisiert worden. Der bereits erwähnte Daily Mirror schrieb dazu: „Er (Bevan) hängt sich fest an ein idealistisches Konzept, wonach die Welt für die Demokratie gewonnen und vor dem Kommunismus bewahrt werden kann durch eine intelligente Politik der wirtschaftlichen Entwicklung, finanziert hauptsächlich mit amerikanischem Geld, geleitet von britischen Hirnen, erleichtert durch russische Mitarbeit – und ohne Zweifel mit französischer Küche ...“