Über die zwingende Notwendigkeit, die Dollarlücke zu stopfen, gibt es keine Zweifel. Wohl aber darüber, ob das, was die „eigentliche“ Dollardrive-Institution, die Gesellschaft zur Förderung des Deutsch-Amerikanischen Handels (Amexport), seit Mitte 1950 unternimmt, dem Effekt nach überflüssig oder ein lohnendes Unterfangen ist. Man hört die Meinung, daß die Steigerung der dollarträchtigen westdeutschen Ausfuhr – von einem nicht sonderlich gewichtigen Rest abgesehen – eher eine Folge der wirtschaftlichen Verlagerungen „nach Korea“ sei, als das direkte oder indirekte Arbeitsresultat der Amexport. Letztere wiederum nimmt einen gehörigen Anteil am Zustandekommen unserer Exportzunahme nach den Dollargebieten (im Falle der USA von 44 Mill. $ 1949 auf 103 Mill. 1950 und 236 Mill. 1951) für sich in Anspruch.

Auch BDI-Vizepräsident W. A. Menne führt die Ausfuhrsteigerung lediglich „bis zu einem gewissen Grade“ auf Korea zurück; die ständig auf wärtsweisende Kurve der Fertigwarenexporte begründet er „zum größten Teil“ mit den Bemühungen insbesondere der Amexport, deren Aufsichtsratsvorsitzender er ist. Man wird zwar kaum eine hieb- und stichfeste Abgrenzung rüstungsfreier und rüstungsbedingter Ausfuhren treffen, jedoch darauf hinweisen können, daß es Fälle beachtlicher Exporterweiterung gibt, bei denen Korea nicht Pate stand. Es handelt sich die wohl vor allem um Konsumartikel, die sich gegen äußerst heftige Konkurrenz anderer europäischer Länder (und Japans!) durchzusetzen hatten und haben.

Man wird dem Leiter des Amexport-Zweigbüros in New York, Henry A. Abt, glauben dürfen, wenn er das Geschäft in den USA als „friedensmäßig“ klassifiziert und vor der Vorstellung warnt, es gebe dort „eine Art von Krisenmarkt“. Da die Rüstung auf eine längere Zeitspanne verteilt werde, als zunächst vorgesehen, ließen sich Kanonen und Butter erarbeiten, Verknappungen beim zivilen Bedarf vermeiden. Ändert sich an der momentanen politischen Konstellation nichts, bleiben einschneidende Einflüsse von außen her aus, so können Industrie und Exporteure in der Bundesrepublik (laut Abt) während der nächsten Jahre mit einem aufnahmefähigen US-Markt rechnen, auf dem „eine fortschreitende gesunde wirtschaftliche Entwicklung stattfinden“ werde. „Diese Ansicht wird von der Geschäfts- und Finanzwelt in den USA bestätigt“, wie Abt feststellt. Mit anderen Worten: prinzipiell fehlt es nicht an Absatzchancen für unsere, Produkte.

Der Hinweis, daß viele der nach den USA exportierenden Firmen die Dienste der Amexport nur selten beanspruchten, begegnet einer Reihe von Fakten: die Gesellschaft verzeichnete 1951 rund 7000 Besucher und mehr als 2000 Kabel; sie zählte täglich rund 100 eingehende Telefonate und etwa 150 „rein ökonomische“ Posteingänge; die Registratur birgt schon 56 000 Geschäftsvorgänge mit 140 000 Schriftstücken; die Kartei für die praktische Vermittlungstätigkeit der Amexport zwischen deutschen Herstellern und US-Käufern umfaßt zur Zeit über 5000 lieferfähige deutsche Firmen aller in Frage kommenden Sparten; weitere 5000 Unternehmen, „die größtenteils durch uns an den Amerika-Export gekommen sind“, nach Auskunft des 1. Geschäftsführers, Dr. Gerhard Dehne, brauchen nun keine Amexport-Hilfe mehr; aus den USA gingen bisher 5000 detaillierte Bezugswünsche („die Zahl steigt ständig“) und aus Kanada. 1000 Anfragen ein; 1400 deutsche Offerten wurden zusammen mit der Außenstelle New York bearbeitet, die für diesen Zweck etwa 900 Mustersendungen erhielt und prüfte; rund 250 deutsche Firmen wurden hinsichtlich ihrer für die Staaten bestimmten Prospekte beraten, die entsprechenden Drucksachen sprachlich und werbemäßig bis aufs i-Tüpfelchen gestaltet; das New Yorker Büro erstattete an die 700 Marktanalysen und -berichte (43 wegen allgemeiner Bedeutung veröffentlicht)

Natürlich wird manches große Unternehmen den Weg auf den Dollarmarkt allein finden. Für mittlere und kleinere Firmen, die oft besonders lohnintensive Erzeugnisse fertigen, trifft das aber nicht zu. Sie brauchen Rat und erhalten ihn. Dabei beschränkt sich die Amexport nicht darauf, die Exporteure „dollarminded“ zu machen; sie untersucht für sie vielmehr auch, ob ihre Produkte wettbewerbsfähig sind, gibt Beschreibungen mit Photos oder Mustern der Artikel an New York oder Toronto zur Begutachtung, als Unterlage für Marktübersichten, in denen der Grad der Konkurrenzfähigkeit gegenüber Preis, Aufmachung und Handelsspannen amerikanischer sowie anderer europäischer Wettbewerbsware vermerkt wird.

Der Aufgabe, die deutsche Wirtschaft über Verhältnisse und Absatzchancen in den USA zu informieren und die US-Kaufleute über deutsche Liefermöglichkeiten zu orientieren, dienen einerseits die „Nachrichten für den Deutsch-Amerikanischen Handel“ (Gesamtauflage bis dato mehr als 250 000), ferner 4 Ausgaben einer Sonderdrucksache über amerikanisches Kriegswirtschaftsrecht (16 000 Exemplare), 102 Spezialveröffentlichungen über die US-Wirtschaft für diverse Branchen und Schriften über exportfördernde Maßnahmen. Andererseits gingen etwa 100 000 Sonderprospekte, zu denen ein eigenes Nachrichtenblatt in den USA kommen wird, nach „drüben“. Für deutsche Firmen wurde eine Sammlung von Prospekten, Katalogen und Preislisten amerikanischer Unternehmen zusammengestellt, die mittlerweile 3000 Exemplare umfaßt, von denen 500 dauernd mit Leihfristen „unterwegs“ sind. Nicht, daß die Aktivität der Amexport damit erschöpft wäre. Zu nennen wäre noch die Vermittlung von bislang 500 Anzeigen in „Foreign Commerce Weekly“ (Herausgeber: Department of Commerce) sowie von 200 Patentaustauschvereinbarungea (in Zusammenarbeit mit der ECA), das erfolgreiche Wirken der Berliner Zweigstelle und vieles andere.

Das ist – summa summarum – viel und dennoch zu wenig. Werbung und Beratung der Amexport müssen schnellstens ergänzt werden durch die von ihr selbst angeregten Exportanreize, von denen hier bereits die Rede war: Devisenanrecht; Ausbau der Steuererleichterungen für Dollarexporte bei Ertragssteuern und Umsatzsteuerrückvergütung; Gewährung von Anreizen auch für den unsichtbaren Export (Fremdenverkehr) auf Grund der nachgewiesenen Ausgaben der Ausländer in freien Dollar. Eine Ausfuhr-Kredit-AG. allein macht noch keinen Dollarfrühling! Im übrigen: der deutsche Hersteller sollte den Dollardrive nicht nur um seiner selbst willen betreiben, sondern ebenso bemüht sein, „seine Erzeugnisse im Wettbewerb des US-Marktes konkurrenzfähig zu machen, damit er auf den anderen Märkten der Welt diesen Erzeugnissen standhalten kann“ (Abt). Zur Bequemlichkeit neigende Exporteure mögen bedenken: Die Ausfuhr nach Amerika ist, wie Dr. Dehne es formuliert, sozusagen die „Hohe Schule des Exports“. Helmut Benecke