Polens Präsident wird 60 Jahre alt

Das Jahr 1937 wurde zum Schreckensjahr für die alte Garde nicht nur der russischen, auch der ausländischen Kommunisten, soweit sie sich in der Sowjetunion aufhielten. Es war das Jahr des Tuchatschewski-Prozesses, der Beginn der großen Säuberung. Die Gegner Stalins in der Armee, Verwaltung und Partei wurden beseitigt um den Weg für autokratische Formen freizumachen.

War schon das Mißtrauen Stalins gegen seine eigenen Landsleute groß, gegen die Ausländer kannte es keine Grenzen. Bei ihnen vermißte er den Sinn für politische Praxis und Härte, er hielt sie für Narren, die der „Idee“ in ihrer Reinheit nachjagten und stellte eine Vergiftung ihrer Mentalität durch die westliche Umgebung fest. Kein Wunder, daß Stalin, gerade in der Führung der Komintern Verrat witterte und gründlich aufräumen ließ.

Von der polnischen Kommunistischen Partei ist bei dieser Gelegenheit nichts mehr übriggeblieben. Die Komintern hat die „Verräterpartei“ in aller Form aufgelöst. Zu Hunderten sind ihre Mitglieder unter dem Vorwand „Spione Pilsudskis“ zu sein, ins Gefängnis gewandert, alte Revolutionäre, die schon Mitarbeiter Lenins gewesen waren, nicht ausgenommen. In neun Regierungsjahren hat Pilsudski wahrscheinlich längst nicht so viele polnische Kommunisten verhaften lassen wie Stalin 1937. Nur eine Handvoll Menschen ist übriggeblieben, die über diese Vorgänge etwas aussagen könnten. Zu ihnen gehört Boleslaw Bierut, der Präsident Volkspolens, der am 18. April seinen 60. Geburtstag feiert.

„Ich kenne den Mann nicht“, sagt Mikolajczyk, als er 1944 auf dem Moskauer Flugplatz eine kleine untersetzte Gestalt einer aus Lublin gekommenen Maschine entsteigen sah, die sofort an die sowjetischen Vertreter eine Dankesansprache. „im Namen des polnischen Volkes“ richtete. Damals gab es erst wenige Polen, die eine andere Antwort als Mikolajczyk hätten geben können. Allein dem Verschwinden der ehemaligen kommunistischen Führung verdankt ein Bierut seinen Aufstieg. Wer ihn höher einschätzen will, kann sich auf den Umstand berufen, daß nur seine Haft in Polen, aus der ihn erst die deutsche Besetzung befreite, ihn das Jahr 1937 überleben ließ.

Auch der amtliche Lebenslauf weiß nichts über eine besondere Parteirolle Bieruts in der Vorkriegszeit auszusagen. Ein durchschnittlich wirkender Menschentyp, wie er unter den kleinen Beamten des früheren Polen häufig war, und der – im Gegensatz zu Gomulka – nicht den Verdacht besonderer revolutionärer Neigung erregte. Seine subalternen Eigenschaften haben den Kreml offenbar überzeugt. Bierut hat sich nach Kriegsausbruch abwartend verhalten; als polnischer Kommunist hatte er zwischen Gestapo und NKWD auch keine andere Wahl. Erst als der deutsche Rückzug im Osten eine Lösung der polirischen Frage in die Sicht des Kremls rückte, schlug seine Stünde.

Der Mangel an polnischen Funktionären erwies sich als nachteilig für die Moskauer Absichten. Daher intervenierte Bierut bei Stalin wegen Freilassung der 1937 verhafteten Kommunisten. Zusammen mit Jakob Berman arbeitete er für das NKWD Listen aus. Sie enthielten Namen, die aus dem Gedächtnis niedergeschrieben waren oder auf mündlichen Angaben beruhten. In wenigen Fällen lagen Briefe von Gefangenen vor, die in die Hände der Angehörigen gelangt waren. Tatsächlich wurde eine Anzahl Menschen befreit, darunter die eigene Schwester Bieruts, aber nicht ein einziger Prominenter. Das war kein böser Wille, es lag am System. Jeder Genosse höheren Grades war nämlich zu Schweigelager verurteilt worden. Keine Stelle besaß eine Adresse. Das NKWD zuckte mit den Achseln. Die Pariser Emigrantenzeitschrift „Kultura“, der wir Angaben über die Bartholomäusnacht des polnischen Kommunismus verdanken, behauptet, Bierut und Berman hätten auf wiederholtes Drängen von Berija die Antwort erhalten: „Was wollt Ihr eigentlich? Sagt Euch, daß diese Leute tot sind. Für Euch sind sie tot.“