Zweifellos ist es ein Alterssymptom einer Kultur, wenn sie in ihren künstlerischen Erzeugnissen mehr und mehr statt der Fülle des allgemeinen Lebens die eigene Geschichte zum Stoff der Gestaltung erhebt, wenn die Kunst anfängt, über sich selbst zu meditieren. Apollo und Orpheus – das waren noch mythische Symbole. Später kam die problematische Natur des schaffenden Künstlers daran, dann das Mysterium der schöpferischen Begnadung selbst. Dann biographische Romane und Dramen über bekannte schöpferische Künstler der Vergangenheit. Endlich interpretiert ein ausübender Künstler unserer Zeit einen großen. Vorgänger. Und von diesem Interpreten eines Interpreten sagt man, sein höchstes Vergnügen bestehe darin, zu Hause der eigenen Stimme von Schallplatten zu lauschen und sich dabei zu Gipfelgefühlen der Selbstbewunderung zu erheben ...

Mario Lanza, der amerikanische Platten- und Filmheros, ist es, der in einem Metro-Goldwyn-Mayer-Farbfilm Der große Caruso ein Stück versunkener Opernkultur wieder aufleben läßt ... Sein Tenor hat wahrhaftig etwas vom Timbre der Wunderstimme Carusos. Sie ist auch eines der seltenen Naturwunder, mit denen italienische Kehlen von Zeit zu Zeit immer wieder beschenkt werden. Aber die warnenden Kritiker, die diesem Organ bei diesem Gebrauch (oder Mißbrauch) ein kurzes Leben weissagen, werden wahrscheinlich recht behalten. Denn denkt man an Carusos außerordentliche technische Kultur, seine großartige Ökonomie und musikalische Vollkommenheit, so muß man bedauern, daß im Falle Lanza offenbar zu frühe und rücksichtslose Ausbeutung ein unschätzbares Material jener vorsichtigen und pflegsamen Behandlung entzog, die ihm erst die letzte Erschließung seiner Möglichkeiten und dazu physische Wertbeständigkeit sichert. So ist Mario Lanza gewiß eine Sensation – und er könnte mehr sein, wie Caruso mehr war.

Weniger als eine Sensation ist der Film, obwohl er in Amerika Furore gemacht hat und auch in Europa des Kassenerfolges sicher ist. Das Leben des Königs der Tenöre ist der Caruso-Biographie seiner Witwe Dorothy in lockerer Szenenfolge nacherzählt, in der nötigen Verdichtung einerseits, Verdünnung andererseits und mit dem unentbehrlichen Schuß Kitsch dazu (Drehbuch William Ludwig, Regie Richard Thorpe). Höhepunkte sind natürlich die Erinnerungen an Carusos Glanzrollen. Neben Lanza begegnet man in der Rolle der Maria Selka Jarmila Novotna – auch eine Erinnerung ... Ann Blyth gibt der Dorothy. Benjamin ein reichlich süßliches Kolorit, während ihren gekränkten Vater Carl Benton Reid zeit-und milieuecht charakterisiert. Dorothy Kirsten als Louise Heggar ist Mario Lanzas gewichtigste Partnerin. (Erstaufführung im Waterloo-Theater, Hamburg.) A – th