Das Tier, der große Verderber der Geheimen Offenbarung Johannes’ ist bereits erschienen“, so predigte vor einigen Monaten ein (Pfarrer in der Oberpfalz. „Man kann es an dem Namen erkennen, den ihm die Stimme des Volkes gegeben hat. Denn es ist der ‚Ochsensepp‘, der bayerische Justizminister, Herr Dr. Josef Müller.“

Eingeweihte wollen nun wissen, daß dieser Hinweis auf die Offenbarung des Johannes einer Privatoffenbarung des ehemaligen bayerischen Kultusministers, des heutigen Landtagspräsidenten Alois Hundhammer entstammt. Und von Hundhammer wiederum wird behauptet, daß er seine Politik auf einer anderen, nur ihm zuteil gewordenen Offenbarung aufbaue: Nämlich, daß die Russen die Donau, wenigstens soweit sie durch Bayern fließt, niemals überschreiten würden. So durch eine Prophezeiung geschützt, könnte man also südlich der Donau einen Staat ganz eigener Prägung aufbauen. Vorausgesetzt natürlich, daß es gelingt, das „Tier“ aus dem Garten Ober- und Nieder-Eden zu vertreiben! Liegt nicht etwas Versöhnendes darin, daß inmitten unserer materealistischen Zeit die inneren Machtkämpfe der bayerischen CSU zwischen dem reichstreuen und dem extrem partikularistischen Flügel auf die mystische Ebene verschoben werden?

Kürzlich erklärte Alois Hundhammer siegesgewiß – und er schaute dabei wie ein assyrischer Oberpriester nach einer günstigen Sternenschau aus –: „Auf diesen Tag habe ich drei Jahre lang gewartet!“ Das war, als er den Journalisten eine Reihe von Kommuniqués übergab, die das „Tier“ ein für allemal erledigen sollten.

Die Feindschaft zwischen Hundhammer und Müller ist alt. Sie erklärt sich nicht zuletzt aus dem so verschiedenen Naturell der Gegner. Der „Ochsensepp“: ein Mann, der seit vielen Jahren große Politik treibt, der als Freund von Canaris und Oster eine wesentliche Rolle in der Widerstandsbewegung gespielt hat und dem es zur zweiten Natur geworden ist, Beziehungen widersprechendsten Art anzuknüpfen; ein durchaus gesamtdeutsch denkender Mann, mit einer erheblichen Portion fränkischer Bauernschlauheit. Hundhammer hingegen: der professionell Integre, der Robespierre, der sea-green incorruptible des konservativen Partikularismus. Katholisch sind sie beide – aber welch weiten Spielraum gibt es da auf der politischen Ebene! Müller verkehrt mit den Staatsmännern des Vatikans, Hundhammer, dem Rom natürlich auch nicht unbekannt ist, mit den Eingesessenen, die man früher „ultramontan“ nannte. Aber merkwürdig: An Popularität ist der bewegliche, oft undurchsichtige „Ochsensepp“ dem betont altbajuwarischen Hundhammer bei weitem überlegen!

Immerhin hat Hundhammer auf dem Straubinger Parteitag der CSU im Jahre 1950 seinen ersten Triumph gefeiert. Denn auf sein Betreiben wurde Müller nicht mehr zum Landesvorsitzenden der CSU gewählt. Wahrscheinlich war es andererseits Müller, der bei der Bildung der bayerischen Koalitionsregierung Hundhammer aus dem Kultusministerium verdrängte. Aber es ist ein offenes Geheimnis, daß Hundhammer dieses nach wie vor beherrscht. „Ein Schwalber“ (so heißt der neue Minister) „macht noch kein Kultusministerium“, sagt man jetzt in München.

Der eigentliche Kreuzzug gegen das „Tier“ war gut vorbereitet. Schon während des Wahlkampfes um die Gemeindevertretungen hatte der Münchner Spitzenkandidat der Bayernpartei, .Anton Besold, den Rücktritt des Justizministers Dr. Müller verlangt – mit fast denselben Argumenten, deren sich eine Woche später Hundhammer bedienen sollte. Freilich, der Zusammenhang wird energisch bestritten, und wer wollte ein Wort des sea-green incorruptible in Zweifel ziehen? Die Attacken waren massiver Art: 15 000 bis 40 000 DM sollte Müller vom Landesrabbiner Dr. Ohrenstein aus Mitteln des Landesentschädigungsamtes bezogen haben. Da Ohrenstein ein Mitangeklagter Auerbachs ist, war es klar, daß damit dem Justizminister der Vorwurf gemacht wurde, daß er für Geld in den Prozeß einzugreifen bereit war. Hundhammer legte tatsächlich die eidesstattliche Erklärung eines gewissen Juda Weißmann vor, ehemals in München, nunmehr in Tel Aviv, in der die Anwürfe gegen den Justizminister substanziiert waren.

Inzwischen hat sich freilich herausgestellt, daß dieser Weißmann ein gekaufter, ein meineidiger Zeuge ist; wobei der Spekulation keine Grenzen gesetzt sind, wer ihn gekauft haben mag. Und was die Gelder betrifft, die Ohrenstein gab: es hat sich, wie der Ministerpräsident Hans Ehard amtlich feststellte, ergeben, daß diese Summen für saubere und genau bestimmte Zwecke gegeben wurden. Und überdies war Ohrenstein um jene Zeit weder angeklagt noch unter irgendeinem Tatverdacht.

Dennoch –: daß Hundhammer gutgläubig gehandelt hat, steht außer Zweifel. Ebenso, daß er nicht wußte, um was für ein Subjekt es sich bei seinem Kronzeugen Weißmann handelte. Also ist das „Tier“ wieder nicht zur Strecke gebracht, wenn auch insoweit „angeschossen“, als Dr. Müller sich seit Tagen in einer Münchner Klinik befindet – die Nerven! Und der Incorruptible hat – das mag nun wiederum für ihn einen seelischen Schock bedeuten – an Popularität nicht gewonnen. So ist der apokalyptische Kampf doch wieder auf die Größenmaße eines internbayerischen CSU-Streites zurückgeführt worden. Daß das Ansehen der deutschen Justiz dadurch gesteigert wurde, kann allerdings nicht behauptet werden. H. P. L.