Von Fritz Stückrath

Die Jugend hat eine brennende Leidenschaft für den Film. Ein Kind im Schulalter besucht durchschnittlich alle zehn Tage ein Kino, ein Schulentlassener mindestens einmal die Woche. Ob nun die Autoritäten in Schule und Haus das Kino als Stätte der Demoralisierung, der Belehrung oder der harmlosen Unterhaltung ansehen, wollen wir zunächst beiseite lassen. Die Jugend hat im Film ein freies Areal für Erlebnisse und Abenteuer gefunden, das sie mit der ihr eigenen Zähigkeit gegen alle Eingriffe verteidigt.

Es ist schwer, den starken Trieb der Jugend zum Kino auf eine einfache Formel zu bringen. Vielleicht ist es so: Die Großstadtstraße bietet der Jugend keine ausreichende Gelegenheit, die aufgestaute Energie in gesunde Unternehmungen umzusetzen. In nervöser Unruhe meidet oft das Kind jede Betätigung die Besinnlichkeit und Ausdauer erfordert. Der Film hat das Interesse am Buch gemindert. Die Schularbeiten sind freudlose Pflichten, die man hastig hinter sich bringt.

Und doch steckt in der jugendlichen Filmbegeisterung auch mehr als der dumpf gespürte Ausweg aus dem Unzulänglichkeiten des kindlichen Daseins von heute. Es ist auch viel Hunger nach dem Leben darin. Die Leinwand ist das Fenster in die weite Welt. Hier wird Fernes, Fremdes, Verborgenes enthüllt. Man wird zum unmittelbaren Zeugen packender Ereignisse auf der ganzen Erde. Der Film zieht den Vorhang weg, der das kindliche Auge von den Geheimnissen der Älteren trennte. Schließlich fühlt der Jugendliche sich auf magische Weise eins mit den Helden, die da oben handeln, lieben, leiden, kämpfen und siegen. Für 50 Pfennige kann man sein, was man nicht ist: ein großer Herr, eine Millionenerbin, ein tollkühner Bergsteiger, eine begehrte Privatsekretärin. Der Junge sitzt auf den Pferden, die in einem unwahrscheinlichen Tempo über die Prärie sausen, das reifende Mädchen liegt in den Armen des angeschwärmten Stars.

Man sollte hier bedenken, daß auch die sexuelle Neugier, die im Film so oft befriedigt wird, eine natürliche Erscheinung der Reifezeit ist. Eltern und Erzieher sind auf diesem Gebiete meist sehr zurückhaltend mit ihrer Aufklärung. Um so begieriger folgt die Jugend den erotischen Szenen im Film. Hier findet sich der Lehrmeister, der alles sagt, alles enthüllt. Aber auch das Wissen über soziale Zustände holt sich die Jugend von der Leinwand, meist allerdings ein verfälschtes Wissen. Da wird die pompöse Häuslichkeit eines Forschers gezeigt, die sich ein Mann dieser Gehaltsklasse niemals leisten kann; der Fabrikdirektor lebt stets in Saus und Braus. Der Jugendliche, der diese Typen sieht, kann sich von der Suggestion nicht freihalten, das alles wirklich so ist wie es im Film gezeigt wird; denn es fehlen ihm alle Erfahrungen, Sein und Schein zu unterscheiden. So verläßt er das Kino mit der felsenfesten Überzeugung: so lebt ein Forscher, so säuft ein Künstler, so gemein arbeiten die Gerichte, so dumm ist die Polizei!

Kürzlich erschoß ein 19jähriger seinen gleichaltrigen Freund beim Kartenspiel. Beim Streit über den Gewinn griff einer der Mitspieler nach Art der „Wildwester“ zur Waffe und traf tödlich. Die Filmszenen, die hierfür Vorbild waren, sind jedem bekannt. Wenn unentwegt Männer auftreten, deren ganzer Lebensinhalt darin besteht, mit Revolvern zu schießen, darf man sich nicht wundern, wenn solcher Stil schließlich auch bei der Jugend gepflegt wird.

Ebenso wie der minderwertige Film die Antriebe zum Schlechten weckt und formiert, kann aber der gehaltvolle aufbauend wirken, indem er die Sicht auf das Menschliche klärt, edle Motive fördert und positive Leitbilder zur Entfaltung bringt. Aber Hell und Dunkel, Kitsch und Kunst, Kriminalsensation und echte Tragik fließen oft in der Seele des Jugendlichen ineinander, es sei denn, daß sich jemand findet, der das Urteil klärt. Darf eine Gesellschaft ihren Nachwuchs so ganz im Stiche lassen gegenüber einer Macht, die wie keine andere das Weltbild und den Lebensstil bestimmt?