Von Jan Molitor

Wenn man durch die Lüneburger Heide fährt und auf der Strecke zwischen Hamburg und Celle meint, der plötzlich ausgebrochene Frühling brächte nicht Blüten genug, so ermuntert vielleicht der Gedanke, daß man sich auf der gleichen Straße befindet, die um des frühen Frühlings willen berühmt ist. Denn die Bergstraße drunten zwischen Darmstadt und Heidelberg – was ist sie anders als ein Teilstück dieser Bundesstraße 3? Eine Feststellung, die Zwar mehr eine behördliche Wahrheit als eine geographische enthält. Aber es liegt doch auch ein Goldkorn von Poesie darin. War es nicht so, daß man als kleiner rheinischer Junge immer wieder betroffen vor gewissen Wegweisern stand, aus denen hervorging, man brauche nur schnurgeradeaus zu gehen, dann käme man ohne weitere Mühen von Köln nach Königsberg? Es handelte sich um die Reichsstraße 1. Und einem ostpreußischen Jungen mag es mit solch faszinierenden Wegweisern, wenn auch in umgekehrter Richtung, ebenso ergangen sein. Damals wohnten die Deutschen an der Reichsstraße 1. Heute, da die Ostwest-Verbindung unpassierbar ist, wohnen sie an der Bundesstraße 3, die aus dem Nebel des Nordens, der Dürre der Heide in den helleren, innigeren Süden führt.

Am Eingang von Celle haben wir während einer kurzen Nachmittagsrast die südwärts fahrenden Autos gezählt: Unter hundert Wagen waren zwanzig ausländische (die Fahrzeuge unserer vertrauten Besatzung nicht mitgerechnet), meist schwedische und dänische Vehikel –: wahre Landstraßen-Schiffe, keine "Lillebils". Es war Gründonnerstag. Wenn Kinder am Wege winkten, so erwiderten die Dänen – alleweil eilig – nicht immer den Gruß. Anders die Schweden. Sie ließen sich Zeit, kamen sich wohl schon im Südland vor, hatten jene überbunten künstlichen Blumenkörbe schon gekauft, die arme Flüchtlinge in der Heide jedem Auto – meist vergeblich – entgegenstrecken, und sie schienen fast alle vergnügt, die Insassen der schwedischen Autos. Einige schauten gerade an diesem Punkt vor Celle bei plötzlich abgebremster Fahrt sehr neugierig aus den Fenstern, weil sich hier eine Gruppe von Männern in engen, langen Stiefeln gesammelt hatte. Wahrscheinlich werden die Schweden, wenn sie wieder daheim sind, erzählen, daß sie in der Heide die gestiefelten Männer sahen –: ‚Es waren die von der SRP...‘

Von Gründonnerstag bis über Ostern hinaus wurden die Autobahnen und die Bundesstraßen ordentlich poliert durch die Gummiräder. Und siehe: Die Hänge an der Bergstraße standen wirklich programmgemäß weiß und rosa in Blüte; sie waren – wie es sich gehört – dem Frühlingsland an der Elbe, dem ‚Alten Land‘, um acht Tage voraus, so daß motorisierte Lyriker, weil heutzutage die Autos schneller sind als die Natur, nun beide Gelegenheiten wahrnehmen können; sie müssen nur rechtzeitig von Baden-Baden aus, wo auch in diesem Jahr der Frühling zuerst begann, via Heidelberg, Frankfurt, Göttingen, Hannover nordwärts nach Hamburg und zur Elbe fahren. Vielleicht ist den Lyrikern, die sich so verhielten, folgendes aufgefallen: In Norddeutschland schienen die Städte an den Festtagen wenig bewohnt zu sein; die freundliche Natur hatte die Menschen ins Freie gelockt. In Süddeutschland aber, zumindest in Bayern, schienen die Menschen alle in ihren Städten geblieben zu sein; der liebe Gott hielt sie fest. "München ist nicht bloß eine Stadt, wo Christen wohnen", so sagte es ein in Bayern lebender Freund, "es ist eine christliche Stadt. Und eben dies fühlt man an den österlichen Festtagen ganz deutlich."

Der Münchner Freund schilderte, wie echt diese Religiosität sei: "Es hat in den Bombennächten wohl überall eine neue Frömmigkeit gegeben, und in Amerika pflegte man während des Krieges zu sagen: There are no atheists in fox holes, in Schützenlöchern gibt es keine Atheisten. Die Skeptiker haben geantwortet: ‚Aber wenn sie wieder heraus sind...‘ So ist eigentlich die Bewährung erst jetzt gekommen, da die Lebensverhältnisse fast zum Normalen zurückgekehrt sind. Fortschrittsreligion, Auflösung des Geschichtsbewußtseins, fast vierzehn Jahre nationalsozialistischer Propaganda, die Verbitterung durch soziale Not und Ungerechtigkeit – gegen all das hat sich das Christentum behauptet. Auch der Spruchkammern wegen wäre es heute ja nicht mehr nötig, religiös zu sein, oder vielmehr, wie dies in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch bei vielen der Fall war, Kirchenfrömmigkeit zu mimen. O nein, die österliche Frömmigkeit ist wahr und wirklich. Nicht umsonst kommt es in der Liturgie dieser Tage noch stärker als zu den anderen Zeiten des Kirchenjahres auf die geistige Verbindung zwischen Priester und Volk an, und die Fürbitten, die in der Karwoche gesprochen werden, sind heute wohl im allgemeinen Bewußtsein, diese Gebete nämlich, daß Gott ‚die Welt von allen Irrtümern reinige, Krankheiten hinwegnähme, Hungersnot abwehre, die Kerker öffne, die Fesseln löse, den Pilgern Heimkehr, den Siechen Genasung, den Schiffbrüchigen den rettenden Hafen schenke‘... Und vielleicht mag es auch eine besondere Bedeutung haben, daß die neuesten Nachkriegsausgaben des Meßbuchs von Anselm Schott wieder jenes uralte Gebet enthalten, in dem es heißt: ‚Allmächtiger, ewiger Gott, in Deiner Hand sind die Gewalten und die Rechte aller Staaten: Schau gnädig herab auf das Römische Reich, daß die Völker, die auf ihre wilde Kraft vertrauen, durch Deine mächtige Hand gebändigt werden.‘ Denn dieses zeitlose Reich – setzen wir dafür den Begriff des christlichen Abendlandes – ist ja, wie ein anderes Gebet es ausdrückt, gegründet von Gott, ‚damit das Evangelium des ewigen Königs verkündet werde‘. Es sind dieselben Worte, die sich in der Goldenen Bulle von Rimini finden, durch die Kaiser Friedrich II. den preußischen Ordensstaat ins Leben rief und ihm auf Jahrhunderte hinaus sein Aktionsprogramm gab. – Im griechischlateinischen Trisagion (Agios o Thedós, Sanctus Dem, Agios ischyrós, Sanctus fortis, Agios athánatos, eleison imas nimmt das Volk noch heute an den beiden Weltsprachen des einen westöstlichen Imperiums teil. Und dann kehren die Glocken über die Alpen zurück. Auferstehung!"

In München nicht anders als in den kleinsten bayerischen Kirchdörfern nahmen die Menschen dichtgedrängt an der Weihe der Osterkerze, des neuen Feuers, des Weihrauchs und des Taufwassers teil und schritten, gnadenvoll auf der Gegenwart Gottes entlassen, in die Ostersonne hinaus, deren Leuchtkraft sie wohlmöglich jetzt erst fühlten, jetzt erst genossen.

Seitdem die Autos so schnell geworden sind, daß man nur halbe Tage braucht, um vom Vorfrühling in den vollen Frühling und zurück zu fahren, übersieht man manche Kleinigkeit am Wege, manches Idyll. Wie ein Hund, der seinen Herrn auf dem Spaziergang umkreist, bleibt man eine Weile an der Seite des Frühlings, der gelissen von Süd nach Nord wandert, und man rast ein Stück voraus, um ihn und seine Blüten an anderer Stelle zu erwarten. Aber so schnell rasen gottlob die Autos noch nicht, daß man die Unterschiede im seelischen Frühlingsklima der Menschen nicht mehr bemerkte. Und richtig: in der Lüneburger Heide sahen wir auf der Rückfahrt auch wieder Stiefel der SRP, doch was bei der Heimkehr in die Hamburger Wohnung viel mehr bewegte –: der Birnbaum vor dem Balkon ist voller Knospen. Am Endpunkt der Bundesstraße 3 hat er erfahren, was am südlichen Anfing der Straße so blütenreich geschah...