Paris, im April

Literaturpreise können gefährlich sein. Sowohl für das Preisrichterkollegium wie auch für die Auserwählten. Bei dem letzten Prix Goncourt verweigerte Julien Gracq die hohe Auszeichnung und verurteilte scharf sowohl die Einrichtung wie auch die Urteilskraft der Jury.

Jetzt ist die Verleihung eines Preises einem Autor zum Verhängnis geworden. Im Verlag Denoel erschien Anfang dieses Jahres ein Buch mit dem Titel: „Die ganze Erde gehört uns.“ Der Verfasser stellte sich als Abkomme einer alten baskischen Adelsfamilie vor: Martin de Hauteclaire. In den ersten zwei Tagen wurden über 5000 Exemplare verkauft. Hauteclaire schildert sein Leben, seine Abenteuer: Ausbildung als Marinepilot, dann Syrien (Drusenaufstand), Marokko (Riffkrieg), noch ein Sprung bis Paraguay (Bolivienkrieg – Gegner von Ernst Röhm), zurück nach Europa: Spanien (erst auf der roten Seite, dann Kondorstaffel auf der anderen), und weiter: Ferner Osten (Start für Nationalchina mit Tschiang-Kai-Schek gegen die Japaner), schließlich der letzte Krieg 1940. Selbstverständlich fehlen auch nicht die entsprechenden Frauen und die Details von Folterungen.

Man sieht den Kerl vor sich, in seiner Jagdmaschine, den Finger am Abzug seiner Maschinengewehre. Er knallt darauflos und wartet auf die Barzahlung am Ende des Monats, falls er dann noch lebt. Die Schilderungen von Freund und Feind sind packend. Als Motto steht über dem 2. Teil ein Ausspruch von Nietzsche aus dem „Ecco Homo“: „Ein richtiger Mann liebt zwei Dinge, die Gefahr und das Spiel. Deshalb liebt er die Frau – das gefährlichste Spielzeug.“ Das Buch endet mit einem Hymnus auf General de Gaulle. Mit einem solchen Inhalt und wirklich glänzend erzählt, mußte das Buch Karriere machen. Der verliehene Prix Vérité (für das beste Erlebnisbuch) gab weiteren Antrieb für den Absatz. Bilder des Autors wurden in der Tagespresse veröffentlicht.

Aber auch Polizisten in Toulouse interessieren sich für literarische Ereignisse. Das Gesicht kam ihnen bekannt vor. Steckbriefe wurden zum Vergleich herangeholt, und man kam zu dem Ergebnis, daß Martin de Hauteclaire mit dem flüchtigen August Couderc identisch ist, der 1945 in Toulouse im Abwesenheitsverfahren wegen Landesverrat und Verbindung zur Gestapo zum Tode verurteilt worden war. Die Pariser Polizei erhielt Anweisungen, die Personalien des Schriftstellers zu überprüfen. Sie tat es und verhaftete den Träger des Wahrheitspreises. Zuerst protestierte er sehr heftig gegen diese Anschuldigungen, aber die Fingerabdrücke überführten ihn einwandfrei. Und nun? ... Hauteclaire-Couderc behauptete, als er abgeführt wurde: „Eine ausgezeichnete Reklame für mein Buch!“ Dessen Inhalt wurde übrigens, wie Couderc gestehen mußte, von A bis Z in heimlichen Schlupfwinkeln von ihm erdacht. Edmond Lutrand