Von Walter Abendroth

Es kann vorkommen, daß ein Mensch in einer bestimmten, entscheidenden Situation sich ganz anders verhält, als man es gerade von ihm erwartet hätte. Viele von denen, die ihn zu kennen glaubten, wenden sich enttäuscht von ihm ab. Bei näherem Hinsehen aber ergibt sich, daß gerade diese Handlung erst den Schlüssel zur Erkenntnis seines wahren Wesens liefert.

Vor einiger Zeit erregte es ein gewisses Aufsehen, daß in Propagandabüchern der Ostzone, die für den angeblichen Friedensgedanken der dortigen Machthaber werben sollten, Beiträge von Reinhold Schneider zu finden waren. Man wüßte – und darin war durchaus kein Irrtum möglich –, daß dieser bekannte katholische Geschichtsdeuter und Dichter die wahren Ziele jener Machthaber weder verkennen, noch gar sie billigen konnte, und daß er anderseits eines leichtfertigen, unüberlegten, zweideutigen, verantwortungslosen Verhaltens absolut: unfähig war. Vor dem Rätsel der unerklärlich scheinenden Tatsache aber kapitulierten viele und warfen seinen Namen mit einem verächtlichen „Auch er!“ zu denen der „Umgefallenen“ des Westens. Eine neue Verlustmeldung nach mancher voraufgegangenen anderen.

Allerdings: niemand konnte Schneider in den inkriminierten Beiträgen ein einziges Wort zugunsten oder im Sinne der östlichen Ideologien und Praktiken nachweisen. Aber des Rätsels Lösung wurde dadurch nicht leichter.

Reinhold Schneider hat letzthin im Insel-Verlag drei neue dramatische Dichtungen publiziert, die gewissermaßen die Essenz seines ganzen gedanklichen Lebenswerkes enthalten: „Der große Verzicht“, „Der Traum des Eroberers“ und „Zar Alexander“. Es sind alle drei Dramen der letzten, äußersten Gewissensprüfung. Der Heilige auf dem Papstthron ist sich bewußt, ein höchstes Amt übernommen zu haben, dem seine menschlichen Kräfte und Möglichkeiten nicht gewachsen waren. Wilhelm der Eroberer stirbt im zermürbenden Zweifel, ob das Maß der Schuld, die er im Dienste eines geschichtlichen Auftrags auf sich zu nehmen als geboten ansah, vor dem letzten Gericht durch Gnade wird getilgt werden können. Zar Alexander, einst Ohrenzeuge der Ermordung seines Vaters, durch die er selbst auf den Thron kam, entsagt auf der Höhe seiner Macht dem Kaisertum, das er von seiner Schuld befleckt und entwürdigt sieht; er läßt sich totsagen, mischt sich heimlich in einen Sträflingstransport und geht freiwillig in die sibirische Verbannung. Das Thema ist überall das gleiche: der Mensch, durch seinen Glauben berufen, in dieser Welt eine gottgewollte Ordnung herzustellen oder zu erhalten, wird durch die erforderlichen Mittel (oder auch durch sein bloßes Versagen) zwangsläufig schuldig und hat sich – trotz des fest geglaubten Auftrags – vor seinem Gewissen darüber zu verantworten. Schon durch diese Sicht des Problems der Macht wird der umstrittene Satz, der Zweck heilige die Mittel, in letzter Instanz verneint. Die Lösung muß der Gnade anheimgestellt bleiben, aber diese kann der Mensch vor seinem Gewissen nicht etwa beanspruchen oder gar vorwegnehmen.

Das Gewissen also bleibt die oberste Instanz! Vor ihm zu bestehen oder zu versagen, vor ihm sich immer wieder verantworten und reinigen zu müssen, das ist es vor allem, was der gläubige Mensch, dem es äußerster Ernst um ein der Gnade würdiges Leben ist, mit dem Worte benennt: das Kreuz auf sich nehmen. Wer in diesem Ernste die höchste Stufe erreicht, nähert sich dem Standort des „Heiligen“, dessen stille, unauffällige Macht vielleicht die einzige schuldfreie ist. Aber gerade diese Macht enthält immer auch einen Vorwurf und wird leicht zum Ärgernis, sogar der „Gemeinschaft der Heiligen“, als deren Sachwalter und Wortführer sich die Kirche betrachtet ...

Das Bild der gegenwärtigen Weltlage ist für Reinhold Schneider eine einzige Anklage. Angeklagt ist das Christentum – das nominelle, das Nenn-Christentum ohne Ernst und Konsequenz, mit dem der Westen sich heute so pharisäisch drapiert. Es ist nicht so, daß die östlichen Antichristen die Bösen, Schuldbeladenen sind und die westlichen Christen die Guten, Unschuldigen. Vielmehr hat das Versagen der Lippen-Christen vor dem Ernstmachen mit den christlichen Forderungen das Antichristentum erst verursacht, genährt und gestärkt. In diesem Sinne hat Schneider im Zusammenhange mit der politischen Entwicklung der letzten Jahre die Gutachten der Moraltheologen, Reden der Bischöfe und Erklärungen des Papstes angegriffen. Und er sagt: „Wenn die Friedenspropaganda des Ostens eine Lüge ist, so ist Trumans Erklärung, daß die amerikanische Politik sich streng an die Bergpredigt halte, eine Blasphemie. Zwischen beiden steht der einzelne, einsame Christ – der, der wenigstens Christ sein will und auf den allein es ankommt: ich meine das von Christus erweckte, ihm verpflichtete Gewissen, für dessen radikale Freiheit ich kämpfe auf jedes Mißverständnis hin.“