Vierzig Jahre sind vergangen, seit russische Sportler zum letztenmal unter dem Zeichen der fünf olympischen Ringe zum Wettkampf auf einer internationalen Kampfbahn antraten. Das war 1912 in Stockholm bei den Olympischen Spielen, wo 178 Vertreter des Zarenreiches erschienen und zwei Silbermedaillen und eine Bronzeplakette gewannen. Im Fußball unterlagen sie der Elf ihrer eigenen Provinz Finnland mit 1 : 2. Seit jenen schönen Julitagen in Schweden vor Ausbruch des ersten Weltkrieges, haben sich die russischen Sportler in vielen Disziplinen dank der Förderung, die die Sowjetunion den Leibesübungen zuteil werden läßt, außerordentlich verbessert. So wird ihr Erscheinen in Helsinki mit das Interessanteste sein, was die Sommerspiele der XV. Olympiade zu bieten haben werden.

Es gibt viele Menschen, die noch nicht an den Start der Russen glauben möchten und meinen, die Sowjetunion würde in letzter Minute absagen. Warum nur? Eine bessere Gelegenheit, der Welt die Leistungen im Sport und Turnen vor Augen zu führen, werden die Russen so bald nicht haben. Zudem finden die Kämpfe diesmal sozusagen vor ihrer Haustür statt und unter einem Klima, das ihnen vertraut ist und der Mehrzahl ihrer Athleten sehr zusagen dürfte.

Verschiedene internationale Experten haben ausgerechnet, wie die Chancen sein dürften. In dieser Liste gibt man den Russen den ersten Platz und den Amerikanern nur den zweiten. Ohnehin werden diesmal zwei Nationen – Deutschland und Japan – mit von der Partie sein, die 1948 in London nicht mitmachen durften; die Punkte werden sich also anders verteilen als in London. Vor allem die deutschen Turner werden in ihrem Kampfe gegen die Schweizer, Ungarn, Finnen und Schweden starke Kräfte einsetzen und dies wird sich besonders bemerkbar machen, weil das Turnen punktmäßig gesehen unmittelbar hinter der Leichtathletik rangiert. Aus diesem whooling dürften die russischen Sportler den Hauptvorteil ziehen. Im Ringen und Gewichtheben, zwei Sportarten, in denen die Russen früher oft brillierten, werden sie sich voraussichtlich gut plazieren, und wenn die Rekorde stimmen, die Rußlands Schwimmer in den letzten Jahren aufgestellt haben sollen, so werden sie auch hierin beachtliche Gegner abgeben. Schwedische Fachheute waren von den Boxkämpfen verschiedener Russen, die zu beobachten sie Gelegenheit hatten, sehr beeindruckt worden, und so rechnet man auch hier auf nicht wenige Punkte für die Sowjets. Was die Leichtathletik anbetrifft, so werden sie die Vormachtstellung der Amerikaner nicht brechen können, aber es heißt, daß einige Russen sich auf ihren heimatlichen Sportfeldern so großartig gezeigt haben, daß sie zumindestens in vielen Wettbewerben ernsthaft ein Wort mitzureden dürften. Daher die Ansicht vieler Sportpropheten, es sei wohl möglich, daß Rußland die von den Amerikanern in London erreichten 547 Punkte übertreffen könnten.

Man wird wahrscheinlich schon bald Genaueres erfahren, denn Rußland hat an verschiedene internationale Spitzenkönner Einladungen zu Wettkämpfen ergehen lassen, die noch vor den Olympischen Spielen ausgetragen werden. So hört man, daß der 400-Meter-Sieger von London, Arthur Wint-Jamaica, und der Läufer McDonald Bailey-Trinidad, in Südrußland starten sollen, und daß beide die Einladung angenommen haben.

Der gute Ruf, der den sowjetischen Sportlern vorausgeht, beruht nicht zuletzt darauf, daß das Moskauer Zentral-Sport-Institut viel von sich reden machte. Hier seien – so heißt es – die besten Trainingsmethoden, aus allen Sportländern übernommen und, nach russischer Meinung, erheblich verbessert worden. Hier habe man – so heißt es weiter – mit wissenschaftlichen Methoden festgestellt, wie, ein Wettkämpfer leben müsse, um in „Hochform“ zu sein, mag es sich nun um die Ernährung, Bekleidung oder auch das Liebesleben handeln. Nichts erscheint unwichtig, allem wird eine ungeheure Bedeutung beigemessen, da es gilt, den „menschlichen Organismus zu Höchstleistungen zu schulen, die bis an die äußerste Grenze menschlicher Leistungsfähigkeit herangehen“. Auf wissenschaftliche Methode – so sagen die Russen – seien die Inhaberin des Weltrekordes im Diskuswurf, Nina Dumbadse, (53,25 m) und ihre stärksten Rivalinnen Ponomajewa und Tschumskaja, die alle für eine Goldmedaille in Helsinki gut sein dürften, zu ihren großartigen Leistungen gebracht worden.

Nicht umsonst also werden die Russen in Helsinki mit der größten Neugierde erwartet.

W. F. Kleffel