Die "Umstellungsbeschlüsse der Aktiengesellschaften im Bundesgebiet sind in ihrer Gesamtheit durch eine bemerkenswert gute Erhaltung ihrer Aktienkapitalien gekennzeichnet. Von bisher umgestellten 11 Mrd. Aktienkapital wurden knapp 60 v. H beibehalten, während gut 30 v. H gesenkt wurden, und zwar durchschnittlich, urn 40 v. H, andererseits wurden etwa 9 v. H des Aktienkapitals um durchschnittlich 46 v. H erhöht. Insgesamt ergibt sich eine Senkung des Aktienkapitals um 1 10 Mrd oder 10 v. H ; des alten RM Kapitals. Dabei handelt es sich lediglich um Gesellschaften aus dem Bundesgebiet, die nicht aus dem Osten oder Berlin verlagert sind. Außerdem fehlen noch sehr bedeutende Teile der "Wirtschaft, insbesondere aus der Schwerindustrie, der chemischen Industrie sowie fast das gesamte Bank- und Versicherungswesen — Das Umstellungsergebnis der Aktiengesellschaften in Berlin ist wesentlich ungünstiger. Hier wurden bisher etwa 4 Mrd. Aktienkapital umgestellt und insgesamt um 1 2 Mrd, also um fast 40 v. H, ermäßigt. Soweit Gesellschaften aus den Ostgebieten in das Bundesgebiet verlagert wurden, ist das Ergebnis noch ungünstiger, weil hier der größere Teil Ermäßigungen von 90 v. H. und mehr vornehmen mußte.

Die Umstellungen der, Aktienkapitalien im Bundesgebiet vermögen aber nur sehr wenig über die tatsächlichen Kapitalverluste auszusagen. Wohl zeigt sich auch hier ein gewisser Unterschied, der weit stärker durch die BranchenVerhältnisse als durch die Gebietslage bedingt ist. Die Bauindustrie und die Brauereien z. B haben die stärksten Kapitalherabsetzungen vorgenommen, während andererseits einige wenige Industriezweige, wie z. B die Textilwirtschaft, insgesamt eine leichte Zunahme aufzuweisen haben. Aber auch diese Unterschiede können nur sehr begrenzte Aussagen über die tatsächlichen Kapitalverluste machen, weil die Umstellung nicht nur nach dem Ergebnis der Schlußbilanz, sondern, auch nach den geschätzten Aussichten vorgenommen wurde.

Ein Bild von den tatsächlichen Kapitalverlusten der Wirtschaft kann nur ein Vergleich der RM Schlußbilanzen mit den DM Eröffnungsbilanzen vermitteln. Dieser Vergleich zeigt, daß die tatsächlichen Verluste der Wirtschaft wesentlich höher sind, als nach den Umstellungsbeschlüssen wohl allgemein erwartet wurde. Aber nicht nur das Maß der tatsächlichen Kapitalverluste ist sehr unterschiedlich, sondern auch die Art der Verlustquellen. Voran stehen Währungsverluste und Kriegsschäden. Dabei zeigen die einzelnen Branchen sehr bedeutende Unterschiede in den Möglichkeiten zur Höherbewertung der Anlagen und der Vorräte zum Zwecke des Verlustausgleiches. Bei den Unterschieden in der Bewertung der Anlagen, insbesondere der Immobilien, kommen die Kriegsschäden am deutlichsten zum Ausdruck. Hier sind teilweise beachtliche Abwertungen vorgenommen worden.

Erst dieses Gegeneinander der Verluste und Aufwertungsmöglichkeiten gibt unter gleichzeitiger Heranziehung der Rücklagen, Rückstellungen sowie der Wertberichtigungen den tatsächlichen Umfang der Kapitalverluste. Dabei zeigt sich, daß selbst die Gesellschaften und Wirtschaftszweige mit erhöhten Aktienkapitalien sehr erhebliche Kapitalverluste ausgeglichen haben. Andererseits ergibt sich aber auch bei nicht wenigen Wirtschaftszweigen eine Verbreiterung der Kapitalien, die sich in einer Vermehrung der freien Rücklagen äußert, also bei den Umstellungsbeschlüssen nicht in Erscheinung tritt. Dies trifft z. B für die meisten Zweige der Textilindustrie zu, aber in noch weit größerem Umfange für die Zuckerindustrie. Hier hat eine nicht geringe Anzahl von Gesellschaften aus der Höherbewertung der Anlagen, als Erfolg einer jahrzehntelangen Aischreibungspolitik, Rücklagen geschaffen, die höher als die Aktienkapitalien sind, teilweiie, sogar ein Mehrfaches der Aktienkapitalien ausmachen.

Zahlenmäßig läßt sich diese Entwicklung fiir die Gesamtheit der Aktiengesellschaften noch nick übersehen. Durch die Zusammenfassung dtr RM Schluß- und DM Eröffnungsbilanzen in. einer Reihe von Wirtschaftszweigen sind afotr Einblicke zu gewinnen, aus denen die Gesamttendenz ziemlich deutlich Abzulesen ist. Dabei ergibt sich, daß die tatsächlichen Kapitalverluste bei einer beachtlichen Reihe von Wirtschaftszweigen etwa um die Höhe des alten RM Kapitals herum liegen. Dies trifft z. B für die Mineralölindustrie, die Gummiwarenindustrie, die Holzwirtschaft, die Brauereien, die Spirituosenindustrie sowie die Mineralbrunnen und die Heilbäder zu Die untere Grenze der Kapitalverluste könnt: (gruppenweise gesehen) bei etwa 50 v. H des alten Kapitals liegen, wie wir es in einigen Wirtschaftszweigen finden, die verhältnismäßig geschützt gegen unmittelbare Kriegseinflüsse waren und darüber hinaus keine besonderen Währungsverluste aufzuweisen hatten. Dies trifft etwa für die Natursteinind ustrie zxu Die überwiegend über das flache Land verteilte Farbenindustrie liegt ebenfalls in dieser Größenordnung. In der Textilindustrie betragen die tatsächlichen Kapitalverluste etwa 75 v. H des alten Aktienkapitals, und in der gleichen Höhe ist auch die Zementindustrie einzuschätzen. Von den Wirtschaftszweigen mit höheren Kapitalverlusten ist die Automobilindustrie zu erwähnen mit etwa 160 v. H des Aktienkapitals und in der gleichen Größenordnung die Druckereien. Besonders groß sine auch die Kapitalverluste im Handel, wo sowoK der Großhandel als auch der Einzelhandel bilanzmäßig Kapitalverluste von über 200 v. H des Aktienkapitals nachweisen. Wieweit die Werften mit einem nachgewiesenen Verlust von mehr als 400 v. H des Aktienkapitals die Spitze bilden, ist schwer zu übersehen, solange nicht das Material vollständig untersucht ist.

Untersucht man die Verlustquellen, dann treten die Währungsverluste vor allen Dingen bei denjenigen Wirtschaftszweigen hervor, die im Laufe des Krieges immer mehr aus der Substanz heraus in die Bankguthaben und Wertpapiere hineingedrängt wurden. So beruhen etwa 70 v. H der Verluste im Handel auf der mit dem Währungsschnitt beendeten Inflation. Bei den Brauereien liegen die Verhältnisse ähnlich. Nicht wesentlich niedrigere Währungsverluste weisen die Holzwirtschaft, die Druckereien, die Heilbäder und die Farbenindustrie auf. Bei etwa 25 v. H der Gesamtverluste liegt der Währungsverlust Saldo in der Gummiwarenindustrie und der Textilindustrie, während die Spirituosenindustrie und die Zementindustrie einen etwas höheren Anteil haben. Bei den Werften machen die Währungsverlüste zwar nur knapp 15 v. H der Gesamtverluste aus, aber etwa 60 v. H des alten RMKapitals. Fast ohne Währungsverluste schließt die Mineralölindustrie ab; die Automobilfabriken haben sogar noch etwa 11 Mill mehr Währungsgewinne als Verluste.

Diese Zusammenstellung läßt bereits weitgehende Rückschlüsse auf das Gefalle der nachgewiesenen Kriegsschäden zu. Hier stehen die Werften an der Spitze mit etwa 300 v. H des Aktienkapitals, und die Automobilindustrie hat etwa 130 v. H nachgewiesen. Bei der Mineralölindustrie sind es demgegenüber nur 40 v. H. und bei der Textilindustrie 45 v. H des Aktienkapitals. Etwas höher liegen die nachgewiesenen Verluste in der Gummi Industrie, bei den Brauereien, den Druckereien und der Holzwirtschaft. Die Zementindustrie weist etwa 30 v. H. Kriegsschädenforderungen auf. Am niedrigsten sind sie wohl in der Natursteinindustrie mit 15 v. H. Sehr unterschiedlich sind die nachgewiesenen Kriegsschäden im Handel, wo der Großhandel etwa 100 v, H des alten Aktienkapitals und der Einzelhandel dagegen nur 40 v. H des alten Aktienkapitals nachweist. Gustav Plum