Von Martin Rabe

Die Kunsthalle der Stadt Bremen, im Kriege ausgebrannt, ist heute fast ganz wiederhergestellt. Alle Ausstellungsräume sind wieder benutzbar. Nur die Treppenhalle ist noch im Zustand des Provisoriums. Die Decke mit dem neuen großen Oberlicht, das den ehemals düsteren Raum so erhellt, daß seine Umgänge für Ausstellungen benutzt werden können, wird noch von unverkleideten eisernen Trägern gestützt, was sehr reizvoll aussieht, aber aus feuerpolizeilichen Gründen nicht so bleiben kann.

An dem Beispiel anderer Museen gemessen, ist der Wiederaufbau der zerstörten Bremer Kunsthalle verhältnismäßig schnell erfolgt – dank staatlicher Hilfe. Nicht, daß dies selbstverständlich gewesen wäre: die Bremer Kunsthalle gehört dem Bremer Kunstverein. Sie ist eine private Stiftung. Der Staat gibt einen jährlichen Zuschuß für Gehälter, Betrieb und Unterhaltung des Gebäudes. Was von diesem Betrag eingespart wird, kann für Ankäufe verwendet werden. Auch ist von vornherein eine gewisse Summe für diesen Zweck mit einkalkuliert. Für alle sonstigen Museumsausgaben aber – und dazu gehört unter anderem der Hauptteil der Ankäufe – müssen der Bremer Kunstverein und seine Mitglieder aufkommen. Natürlich hätte der Bremer Staat es leicht gehabt, nach dem Kriege angesichts der allgemeinen Notlage – und der besonderen des Kunstvereins – die ganze Institution zu schlucken und zu verstaatlichen. Manche andere Regierung hätte dieser Versuchung nicht widerstanden. Wir erinnern an den hessischen Staat, der sogar den Versuch machte, fremde Sammlungen – aus Berliner Museums- und Bibliotheksbesitz – mit großer Geste einzustecken. Aber so zu handeln, hätte jeglicher Bremer Tradition widersprochen.

In dieser Stadt nämlich ist man sich noch des alten Satzes bewußt, daß der einzelne für das Wohl des Ganzen verantwortlich sei. Und so überläßt man auch einzelnen die Verantwortung für dir städtische Galerie. Das gereicht ihr durchaus zum Vorzug. Da sie nicht die Aufgabe hat, den Staat zu repräsentieren, braucht sie sich nicht prunkvoll zu erweitern, ist ihr die Möglichkeit gelassen, sich weise zu beschränken. Allerdings wird ihr dies auch dadurch zur Pflicht gemacht, daß sie heute Aufgaben wiederholen muß, die längst gelöst waren, deren Ergebnisse aber durch die Ereignisse der jüngsten Zeit vernichtet wurden.

Die Bremer Sammlungen haben während der Hitler-Epoche besonders schmerzliche Verluste erlitten. Da war zunächst jene Aktion zur Beschlagnahme entarteter Kunst im Jahre 1937, die dem gesamten deutschen Galeriebesitz schwere Lücken geschlagen hat. Damals verlor Bremen unter anderem das großartige Porträt des Bernt Grönvold von Corinth, Bilder von Rouault, Pascin, Kokoschka, Pechstein, Heckel. So schmerzlich dies war, viel schlimmer waren die Verluste, die durch die Kriegsfolgen eintraten. Ein Teil des Besitzes der Bremer Kunsthalle war nach einem Ort der heutigen Sowjetzone ausgelagert worden, ein kleiner Teil nach Berlin. Nur weniges hiervon ist wieder aufgetaucht, zum Teil so verdorben wie jenes Paket von Aquarellen und Graphiken, das in einem Walde aufgefunden und derartig verfilzt und verschmutzt war, daß nichts mehr wiederhergestellt werden konnte.

Jede Galerie hat bestimmte Höhepunkte, die ihren Ruhm ausmachen und ihren Aufbau bestimmen. Es ist die Tragik der Bremer Verluste, daß sie gerade diese Substanz der Galerie angreifen. Da war zunächst die für eine städtische Sammlung erstaunlich gewichtige Abteilung italienischer Kunst des 15. Jahrhunderts. Die Madonna, die neuerdings allgemein dem Masaccio zugeschrieben wird, ist unter abenteuerlichen Umständen in Berlin wieder aufgetaucht. Aber es fehlen die Kreuzigung des Taddeo Gaddi, der Hausaltar des Landini und die Madonna des Bartholomeo Montagna. Diese Verluste werden kaum wieder gutgemacht werden können.

Hervorragend waren die deutschen Meister von der Wende des 15. zum 16. Jahrhundert vertreten. Dürer durch drei Bilder, von denen zwei verloren sind, der Christuskopf und der heilige Johannes, und weiter durch eine Reihe der schönsten Aquarelle und Zeichnungen, darunter der Grablegung Christi, die zu seinen allerschönsten Zeichnungen gehört, und jenem späten Akt-Selbstporträt, – kurz vor seinem Tode, – mit der deutenden Gebärde: da wo der gelbe Fleck ist, da ist mir weh. Auch von diesen herrlichen Blättern ist nichts wiederaufgetaucht. Zu den Verlusten gehört auch eines der schönsten Porträts von Lukas Cranach. Ein Altdorfer, eine Geburt Christi hängt wieder in der Galerie. Der obere Teil des Bildes ist verschmort. Schatzsucher hatten eine Kerze auf die Holztafel, gestellt, als sie den Keller mit den verlagerten Bildern durchsuchten.