Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, Mitte April

Die meisten westlichen Besucher der Moskauer Weltwirtschaftskonferenz haben über Ostern in Berlin Station gemacht. Nicht nur zum Atemholen, sondern vielfach auch zur abschließenden Vollendung von Geschäften, die in Moskau im Foyer des Gewerkschaftshauses, im Hotel „Moskwa“ oder im Hotel „Sowjetskaja“ zwischen dem 3. und dem 12. April entriert worden waren. Herr Nestorow, der Präsident der sowjetischen Handelskammer, hatte den mehr als 400 Kaufleuten aus der westlichen Hemisphäre und den wirtschaftlichen Statisten aus der Sowjetunion, China, den Volksdemokratien und der Sowjetzone gewissermaßen das goldene Rubel-Zeitalter verheißen: auf 75 bis 80 Milliarden Rubel beziffert er die gegenwärtig nicht ausgenutzte Leistungskapazität der Ostblockstaaten.

Der rote Handel lockt – und es scheint, als habe die Moskauer Wirtschaftskonferenz mindestens eines ihrer Ziele erreicht: dem Westen Rohstoffe und Produkte abzukaufen, die bislang keine noch so geplante Ausbeutung durch die Sowjetunion zu organisieren wußte. Während nämlich im Säulensaal des Gewerkschaftshauses geredet wurde, verhandelten, die sowjetischen Handelsvertreter mit etwa 100 Firmen aus England, Frankreich, Südamerika und sogar den Vereinigten Staaten. Sie sollen mit den Abschlüssen dieser pompösen sowjetischen Staatsmesse zufrieden sein. Die Engländer zum Beispiel, die am aktivsten waren und eine Reise ihres Handelsministers nach Moskau ankündigten, rechnen auf Tauschgeschäfte in Höhe von 50 Millionen Pfund.

Selbstverständlich soll die Moskauer Konferenz keine einmalige Affäre bleiben. Ein permanentes Messebüro will man, damit der Westen es näher und bequemer habe, in Ostberlin etablieren. Die westlichen Besucher zeigten sich entzückt über so viel russisches Entgegenkommen. Da war das funkelnagelneue, kurz vor Beginn der Konferenz fertig gewordene „Sowjetskaja-Hotel“, das ganz den kapitalistischen Vertretern des Westens reserviert war. Zwei bis drei Zimmer standen jedem Besucher zur Verfügung, und ein eigener Wagen mit eigenem Chauffeur und eigenem Dolmetscher war jederzeit für jeden bereit. Die Speisekarte des Hotels verriet einen erlesenen französischen Geschmack, russische Spezialitäten wurden unaufdringlich, angeboten. Die Kapelle, die den ganzen Tag bis in den frühen Morgen dezente Tanzmusik servierte, und Tanzlokale, die der Dolmetscher empfahl, vervollständigten die liberale Kulisse. Als besonders gastfreundlich wurde es empfunden, daß die Reisekosten vergütet und den Gästen für besondere Ausgaben 1000 Rubel zur Verfügung gestellt wurden.

Über das mögliche Nebeneinander von Kapitalismus und Sozialismus wurde diesmal kaum gesprochen, sehr viel aber über die westlichen Rohstoffe, die der Osten will. Die Ostzone zum Beispiel hatte folgenden Wunschzettel mitgebracht: Steinkohle, Roheisen- und Walzwerkerzeugnisse, Schwefelkies, Buntmetalle, Phosphordünger, Farbstoffe und Kohle-Derivate, Soda, Rund- und Schnittholz, Zellstoff, Naturfaser, Häute und Felle, Därme, Gerbstoffe, Fettsäuren, Kopale und Harz, ferner erhebliche Mengen Nahrungsmittel, Fleisch, Butter, Käse, Eier, Fischwaren, Reis, Obst, Hopfen, Tabak, Kaffee, Tee, Gewürze. Die Angebote, die die „Deutsche Demokratische Republik“ zwanzig Ländern in Moskau machte, nannten dafür Warengruppen, die in der Sowjetzone selbst noch nie erhältlich oder mindestens äußerst knappe Mangelware waren. Von dieser Perspektive her erhält die Behauptung ihr fragwürdiges Gewicht, die Sowjetzone habe über ihre bisherigen Notwendigkeiten hinaus Exportmöglichkeiten für 600 Millionen Pfund Sterling.

Jeder Delegierte aus den Volksdemokratien, aus China und der Sowjetzone schien sorgfältig vorher angehalten, etwa so zu argumentieren: Uns, dem Osten, tun ja die Beschränkungen nicht viel, aber euch machen sie das Leben schwer. Dies „euch“ wurde aber von niemandem – so hatte die Regie vorgesorgt – mit den westlichen Regierungen identifiziert. Niemand hatte es darauf angelegt, die westlichen Regierungen politisch zu brüskieren. Aber jedermann, der früher über den „ungehinderten Welthandel“ sprach, malte die Chancen aus, derer sich die westlichen Länder mit ihren Embargos, Handelssperren und dergleichen begeben.

Die zwanzig westdeutschen Teilnehmer, die mit Ausnahme des Lederfabrikanten Heinrich Krumm aus Offenbach anonym bleiben wollten, sind in Moskau nicht dazu gekommen, die „DDR“-Vertreter zu fragen, wie sie diesen monströsen Export-Angeboten jemals nachkommen wollten. Sie wie alle anderen Besucher aus den westlichen Ländern haben in Moskau nicht darüber gesprochen, was die Sowjets an riesigen Reparations-Anteilen schon aus der Wirtschaft der Satelliten-Länder ziehen – und auch nicht darüber, welche der Satellitenwünsche kaschierte Wünsche der Sowjetunion sind. Sie waren statt dessen alle fasziniert von dem Zehn-Millionen-Geschäft des Labour-Abgeordneten Silvermann, das er für den konservativen Textilindustriellen Burdaly mit Rot-China entriert hatte. Doch dieser Paradeabschluß von Moskau bleibt ebenso ein Propagandatrick wie die Angaben von Professor Kuszynski aus Ostberlin, der mit durchsichtigster Larmoyanz aufzählte: 15 000 Arbeiter seien in Westdeutschland arbeitslos geworden, weil ein Schuhauftrag der „DDR“ in Westdeutschland nicht habe ausgeführt werden können. Denn die 75 000 arbeitslosen Textilarbeiter in England und die Arbeitslosen anderswo in der Welt, die der Handel mit dem Osten wieder beschäftigen könnte – dies war die ideologische Untergrundmelodie, die in den Moskauer Tagen ständig gespielt wurde. Zusammen mit der gleichbleibenden Behauptung, weit und breit im Ostblock gebe es keine Arbeitslosigkeit. Über Lebensstandard, soziales und qualitatives Niveau aber vermieden die Regisseure der Moskauer Konferenz jede Diskussion.