Jesus, in seiner vergoldeten Stube auf dem Altar, sieht beim Hochamt am Sonntag durchs Schlüsselloch: da sieht er seine liebe Gemeinde. Zwanzigtausend Kommunionen jährlich, sechshundert Osterbeichten, gut besuchte Maiandachten, leidlich gefüllte Klingelbeutel, keine wilden Ehen, keine Mörder und Umstürzler. Fünfundzwanzig Meßbuben und fünf Ordensschwestern, immer an ihrem Platz in der ersten Bank, sechzig Mädchen in der Marianischen Kongregation, vierzig Burschen in der Kolpingsfamilie, ein würdiger Kirchenvorstand, der Cäcilienchor und ein Organist, der nicht trinkt (der Küster trinkt hin und wieder, aber Jesus rechnet es ihm nicht an; seit Jahr und Tag ist er mit einem bösen Weib geschlagen), Hochwürden schließlich, ein treuer und eifriger Diener, wenn sie auch ihr: Kümmernisse miteinander haben, doch davon weiß niemand ...

Ja, da sieht Jesus sie nun ankommen, den Finger ins Weihwasser getaucht, ein Kreuz geschlagen oder so eine Handbewegung, die ähnliches vorstellen soll, eine hastige Kniebeuge, nicht zu tief, die Nylons und die Bügelfalten könnten Schaden nehmen. Jesus lächelt, wenn er sie so die Bänke füllen sieht, die Versammlung ist stattlich, abgesehen von den paar Flüchtlingsfrauen mit Kopftüchern und ihren Kindern, die die abgelegten Kleidchen der Eingesessenen tragen; die alten Leute in Schwarz, die jungen in hellen Kleidern und Mänteln, mit Schleierhütchen auf den Locken, farbige Tücher um den Hals geschlungen und Schuhe nach der letzten Stadtmode; sie nehmen sich so fremd aus an den ländlichen Füßen und Beinen. Obwohl Jesus wahrhaftig nicht auf Schönheit sieht und guten Geschmack, bemerkt er doch, wie schlecht alles, was sie sonntags tragen, zu ihnen paßt...

Die Schreinereibetriebsinhabersgattin zum Beispiel trägt ein graues Kostüm, dessen Rock zu kurz und zu eng ist und einen vielfach gekniffenen Hut, der komisch zu ihrem derben freundlichen Gesicht steht, mit künstlichen Kirschen und vielen kleinen Schleiertuffs besteckt. Aber das wäre nicht das Schlimmste, wenn nicht die Frau während des Hochamtes immerzu an diesen Hut denken müßte – auch das sieht Jesus natürlich genau. Wie sie des Kaufes wegen in die Stadt fuhr, wie sie mit ihrem Mann seinethalben in Streik geriet, und wie ihr jetzt der Hut der Bäckerin, auf dem Maiglöckchen wachsen, eigentlich noch besser gefällt – dabei ist das ein umgepreßter vom vorigen Jahr! Vom Hut der Bäckerin gehen die Gedanken zu den eingemachten Bohnen, von da zur Bügelwäsche, unterbrechen ihren hausfraulichen Lauf beim Klingeln der Wandlungsglöckchen – sie schlägt sich an die Brust und flüstert: „Jesus, dir leb ich, Jesus, dir sterb ich, Jesus, dein bin ich im Leben und im Tode!“ Aber schon beim Paternoster ist sie wieder beim Hühnerfutter und bei Josefs durchgewetztem Hosenboden, erst das Marienlied am Schluß reißt sie mit und trägt sie für einen Augenblick in die warme Begeisterung, die sie als junges Mädchen für die Mutter Gottes empfand und in zahlreich gebeteten Rosenkränzen zum Ausdruck brachte.

Ach, es ist durch die Bank nicht weit her mit Jesu lieber Gemeinde. Nicht, daß sie nicht alle guten Willens wären – aber das Zerstreuende der Zeit ist mächtiger als jeglicher gute Wille. Die Schulkinder zeigen einander Heiligenbildchen und Totenzettel aus den Gebetbüchern, die Erstkommunikantinnen knipsen ihre neuen Täschchen auf und zu und passen auf, daß die Spitzen ihrer weißen Schuhe keine Flecken kriegen beim Knien; die Buben tauschen Marmeln und bereden tuschelnd die Aussichten für das Fußballspiel am Nachmittag; das Mannsvolk, das sich stehend im Hintergrund hält, vorgeschobenen Bauches und mit durchgedrückten Knien, streicht in Gedanken um die täglichen Sorgen, an die Kornpreise denkt der Bauer, an Materialberechnungen der Handwerker, an Kredit der Kaufmann, an Gehaltserhöhung der Beamte, an den Krieg sie alle. Sie legen’s nicht darauf an, über diese Dinge nachzudenken, sie möchten schon andächtig sein, das sieht Jesus wohl, aber die Sorgen sind lockende Magnete.

Die Alten halten den Rosenkranz in runzligen Händen wie sie’s von Kind auf gewöhnt sind, ihrer eisernen Beterruhe kann keine liturgische Bewegung etwas anhaben, in den feuchten Nasen verspüren sie dabei schon den Geruch vom Sonntagsbraten. Die Lehrerin dagegen hält sich streng an ihren Schott mit den vielen roten und grünen Bändern, vom Introisto bis zum Deo gratias folgt sie der Handlung auf den Dünndruckblättern, gleichzeitig eine Übungsstunde in Latein, bald wird sie des deutschen Textes nicht mehr bedürfen! Auch sonst wird hier und da der Meßtext mitgebetet, lieber aber noch eine der zahlreichen Andachten, in denen es schwärmerisch hergeht, dabei ist es Jesus auf dem Altar immer so unbehaglich, wenn sie ihn mit „süßester Jesus“ anreden und meinen am Ende Tyrone Power oder Clark Gable damit. Kann sein, daß unter den Jungfräulein eines kniet, das anderes als Garderobe und Kino und den Abendbummel im Kopfe hat und fast die ganzen fünfzig Minuten im Gebet hinbringt, in einem rührend-lieben Privatgespräch mit ihm und Seiner Mutter und Seinen Heiligen. Nicht, als ob Jesus sich darüber nicht freute – aber es ist eben doch nicht das, woran er dachte, als er mit den Jüngern das Mahl hielt...

Wenn das „Ite, missa est!“ gesungen ist, zwängen sich, auch das sieht Jesus, die Damen ihre engen Wildlederhandschuhe über und ergreifen Schirm und Tasche. Die Männer beginnen, sich gemessen zur Tür hinzuschieben. Die Frauen und Kinder drängen nach, die Orgel verrauscht, der Küster kommt und löscht die Kerzen. Hochwürden geht frühstücken...

Wie jeden Sonntag zieht Jesus es ernstlich in Erwägung, ob er nicht die Stätte vom Erdboden verschwinden lassen soll, wo dem Unerhörten mit solcher Gleichgültigkeit begegnet wird – soll er nicht den Altar mitsamt seiner vergoldeten Stube mittels eines Blitzstrahls vertilgen, das ganze Haus in einer neuen Sintflut ertränken? Ach, man muß Geduld haben. Der kleine Meßjunge, links von Hochwürden – vielleicht war es nicht nur vor Kälte, daß er zitterte, als er bei der Wandlung den Zipfel des Priestergewandes hielt – vielleicht zitterte er wirklich vor Gott? Man muß Geduld haben...