Von W. Renner

Vor kurzem prüfte der amerikanische Frauenarzt Professor Schmitz die Frage, wie viele Frauen mit Unterleibskrebs in den Vereinigten Staaten durch Operation und wie viele durch Strahlenbehandlung geheilt werden. Hierbei fand er, daß über 90 Prozent aller Frauen durch Radium- und Röntgen-Strahlen behandelt werden. Dieses Ergebnis ist für deutsche Verhältnisse sensationell; denn bei uns beherrscht sogar einen großen Teil der Ärzte noch die Ansicht, daß eine Strahlenbehandlung erst in Frage kommt, wenn die Operation wegen eines fortgeschrittenen Stadiums des Krebses nicht mehr möglich ist. Diese Vorstellung beruht auf durchaus fundierten Grundlagen: Die radikale operative Entfernung des Unterleibskrebses ist älter und man hat gute Erfahrungen damit gemacht. Die moderne Strahlenbehandlung trat zunächst als Lückenbüßerin auf, man kannte noch nicht die Vielfalt der Strahlenwirkungen und wußte noch nicht, wie man Hautschäden verhindern konnte. Andere Länder – so Schweden, Dänemark, England und Amerika – könnten uns auf diesem Gebiete überflügeln. Dort hatte man keine Vorurteile gegen die Strahlenbehandlung. Zwar waren deutsche Frauenärzte wie Döderlein Pioniere der praktischen Strahlenbehandlung, deutsche Forscher wie Dessauer, Holthusen und Racewski erarbeiten die Grundlagen, aber bei uns gab es zu viele gute Ärzte, die ihre Erfahrungen mit der Operation hatten und zu wenig Möglichkeiten, sich wirklichen Einblick in den Nutzen der Strahlenbehandlung verschaffen zu können.

Die Weltgesundheitsorganisation des Völkerbundes erarbeitete unter Mitwirkung der führenden Ärzte aller Länder ein Schema, mit dessen Hilfe man die Erfolge der Behandlungen durch Operationen mit denen durch Radium-Röntgen-Bestrahlungen vergleichen konnte. Außerdem schuf sie den bei Krebsheilungen allgemein seither verbindlichen Begriff der Fünfjahresheilung, der erlaubt festzustellen, wann ein behandelter Krebs endgültig nach menschlichem Ermessen als geheilt zu betrachten ist. Merkwürdigerweise ist dieser Begriff der Öffentlichkeit ziemlich gleichgültig, ja zum Teil unbekannt geblieben. So konnten Scharlatane, die einen Krebskranken über ein oder mehrere Jahre am Leben erhielten, billige Triumphe ernten. So hat noch kein Arzt über eine Fünfjahresheilung eines nachgewiesenen Krebses mit dem Krebsmittel Prof. Enderleins berichten können.

Wie wirken nun die Radium- und Röntgenstrahlen auf einen Krebs? Die Antwort auf diese Frage liegt zu einem großen Teil im Dunkeln. Man weiß genau, wie sich ihre Wirkungen auf die Haut, auf oberflächlich und auf tiefgelegene Gewebsschichten verteilen. Ja, man kann in ihrer Anwendung genau die Wirkungen erreichen, die man sucht und die anderen verhindern. Aber warum alle diese Strahlungen Krebse vernichten können, welche Fähigkeiten der Krebszelle es sind, die abgetötet werden, worin sie sich von denen normaler Zellen unterscheiden, das alles weiß man noch nicht. Man weiß nur, daß die Krebse, gegen die sich der Körper unter normalen Umständen nicht wehren kann, durch die Strahlen in einen Zustand versetzt werden, in dem die gesunde Umgebung sie vernichten kann.

Aber welche Gründe führten die amerikanischen Frauenärzte zu einer derartigen Bevorzugung der Strahlenbehandlung vor der Operation? Die unermüdliche statistische Arbeit der Strahlentherapeuten hat es ermöglicht. Sie nahmen nicht, wie viele Operateure, nur die Kranken in ihre Statistik, die sie nach ihrer Methode mit Aussicht auf Erfolg behandeln konnten. Nein, sie führten alle, auch die hoffnungslosen Krebskranken, an. Und auf diese Weise erreichten sie eine immer weiter fortschreitende Verbesserung ihrer Methodik der Bestrahlung. So kam es, daß bei einer bestimmten Form des Unterleibskrebses im Radiumhospital in Stockholm heute fast 70 Prozent aller Erkrankten nach der Behandlung fünf Jahre erscheinungsfrei überleben, womit man sie als dauernd geheilt ansehen kann. Es gibt Krebse, die mit rein operativer Behandlung zu über 90 Prozent innerhalb weniger Jahre tödlich ausgehen und von denen man durch richtig durchgeführte Röntgennachbestrahlung weit über die Hälfte retten kann. In Skandinavien, England und Amerika gibt es seit Jahren große Krankenhäuser, die sich Krebshospitale nennen. Man kann das dort wagen, da die Bevölkerung allgemein weiß, daß ein Krebs durchaus nicht die unheilbare Krankheit ist, wie man früher dort annahm und in Deutschland noch weithin annimmt. Sie weiß es aber nur, da die Bestrahlungsbehandlung in Verbindung mit der operativen Behandlung dort dieser Krankheit einen großen Teil ihres Schreckens genommen hat.