Hermine Körner in Bruckners „Heroischer Komödie“

Viele Erfahrungen der jüngsten Zeit haben die These bestätigt, daß Frauen mehr Sinn für Realitäten haben als Männer. Wie reimt es sich damit zusammen, daß die politische Freiheit immer als Frau dargestellt wird (zum Beispiel an der Einfahrt nach New York)? Gleiche Freiheit für alle ist ein Traum von Männern gewesen. Das Jakobinertum, der Liberalismus waren Männerbewegungen. Eine Frau in ihren Reihen, die wirklich eine Frau war und nicht ein Mannweib, muß ein gehöriges Quantum Skepsis in sich gehabt haben – aber auch eine mächtige Freude an der eigenen Geltung und am Trubel. Mit anderen Worten: viel Selbstironie.

Dieser so gefährliche wie vergnügliche Widerspruch leuchtet Hermine Körner aus den Augen, wenn sie als Madame de Staël in Ferdinand Bruckners blitzender „Heroischer Komödie“ Manifeste entwirft, Agitationsreisen gegen Napoleon plant, mit Bernadotte verhandelt oder ihren bequemen und eitlen Liebhaber Benjamin Constant vor ihren Wagen spannt. Diese Frau ist wahrhaft schrecklich in ihrer pausenlosen Impulsivität, ihrer alles überflutenden Redseligkeit, ihrer grandiosen Unlogik und dem leidenschaftlichen Bombast ihrer Gebärden. Vom Wahn der Freiheit für die anderen besessen, lebt „Madame von der Freiheit“ am Leben vorbei. Aber mit welch ungeheuerlicher Vitalität! Und mit welch sicherem Sinn für die Vermessenheit ihres Aufstandes gegen die Macht! Sie hat den Mut, eine komische Figur zu sein – und wird dadurch groß. Kein Vorwurf, den sie sich nicht schon selbst gemacht hätte. Keine Kritik, die sie nicht durch unbekümmerte Selbstpersiflage vorwegnähme.

Wer hat diese gloriose Bühnenperson geschaffen? Der Dramatiker Bruckner oder die Schauspielerin Hermine Körner? Man kann es nicht mehr unterscheiden, so stark ist die Verkörperung. Daß dahinter trotz aller Zuspitzung auf den szenischen Treffer „die wirkliche“ Madame de Staël durchschimmert – das allerdings ist gewiß der Beitrag Bruckners, der als einziger Autor des Landes, in dem Shaw am meisten gespielt wird, von Shaw gelernt hat, die Essenz historischer Gestalten und Situationen in Komödienform aufzubewahren. Der Augenblick, wo die Staël, ganz erfüllt von Rage gegen die bourbonische Reaktion, erfährt, daß, Napoleon im Begriff steht, die Macht wiederzugewinnen, und wo sie erkennt, daß ihr nun nichts bleibt als das Bündnis mit dem Verhaßten – dieser Augenblick des Verzagens ist (die Körner zeigt das durch stumme Erschütterung, die Adern der Empörung Schwellen an und röten ihr Gesicht) von tragikomischer Gewalt: der Kampf zur Freiheit, geführt von der Frau, die ihn als Donquichotterie erkennt, weil ihr fraulicher Realismus das Wahrhafte durchschaut, und die doch nicht von ihm ablassen kann, weil ihr Dämon sie treibt, ihrem Ruhm die Treue zu halten.

Man wird die Aufführung, die das Hamburger Deutsche Schauspielhaus herausbrachte, demnächst in mehreren großen west- und süddeutschen Städten sehen. Das wird ein Star-Gastspiel – schon darum, weil Bruckner die fünf Männer nur als dramatische Staffage um einen Charakter gruppiert und allenfalls dem (von Alfred Schlageter mit unübertrefflich müder Noblesse ausgestalteten) Constant etwas deutlichere Züge gegeben hat. Aber in einer Zeit, wo schauspielerische Phantasie fast völlig durch Regie-Diktatur abgelöst ist, sollte man sich hüten, den Star zu schmähen. Wer kann denn heute noch die Bühne fünf Akte lang von Dichters und eigenen Gnaden mit Seele und Bewegung füllen und den Regisseur in die Rolle des Arrangiers zurückweisen? Drei sind es: Käthe Dorsch, Paula Wessely, Hermine Körner. Die Körner aber ist die mächtigste unter ihnen. C. E. L.