Die lieblosen Legenden des Wolfgang Hildesheimer

Da wäre die Geschichte, die damit anfängt, daß Vetter Eduard aus Australien einen Brief schreibt: der Vetter Paul möge ihm seinen Frühjahrsmantel nachschicken. Als der Brief ankommt, ist gerade der Klavierstimmer im Hause. Paul expediert irrtümlich dessen Mantel nach Australien und gibt ihm, als der Irrtum herauskommt, Eduards Mantel als Ersatz. Einige Zeit später treffen zwei Briefe bei Paul ein: Der Klavierstimmer bedankt sich für das „Taschenbuch für Pilzsammler“, das in der Manteltasche gesteckt und ihn zum leidenschaftlichen Pilzsucher gemacht habe, und Vetter Eduard aus Australien bittet um eine Blockflöte, da er in seinem Mantel ein Lehrbuch zur Erlernung des Spiels auf diesem Instrument gefunden hat.

Sie werden sagen, das sei eine reichlich alberne Geschichte. Das ist sie auch. Wie aber, wenn ein Autor sich darauf versteifte, gerade aus dieser Albernheit eine Story aufblühen zu lassen? Zum Beispiel, daß er dem Vetter Paul eine Frau andichtet, die auf diese unwahrscheinlichen Ereignisse mit trockener Gelassenheit reagiert? Das sähe dann so aus: Vetter Eduard bittet in seinem ersten Brief, das „Taschenbuch für Pilzsammler“ aus dem Mantel herauszunehmen, da es in Australien keine eßbaren Pilze gebe, und die Frau wirft bei der Lektüre des Briefes ein: „Dann soll er doch etwas anderes essen.“ Oder vielleicht so, daß er den Klavierstimmer aus Vetter Eduards Manteltasche noch eine verfallene Theaterkarte zurückschicken läßt. Die Frau sieht die Karte auf dem Tisch liegen und fragt: „Was wird denn gespielt?“ Vetter Paul: „Sie ist zu einer Aufführung von ,Tannhäuser‘, aber die war vor zwölf Jahren.“ Die Frau: „Na ja, zu ‚Tannhäuser‘ hatte ich sowieso keine Lust gehabt.“ Und als sie aus dem zweiten Brief Eduards erfährt, daß es in Australien keine Blockflöten gibt, ist das Problem für sie mit den Worten abgetan: „Dann soll er doch ein anderes Instrument lernen!“

Man muß die Albernheit nur weit genug treiben, dann kehrt sie wie eine Hyperbel aus der Verstiegenheit zurück auf den Boden des gesunden Menschenverstandes.

Sie werden zugeben, daß es sich lohnt, die Bekanntschaft dieses jungen Autors zu machen. Er heißt Wolf gang Hildesheimer, und die Sammlung „Lieblose Legenden“, in der die hier wiedererzählten und andere Geschichten stehen, erscheint gerade jetzt in der Deutschen Verlagsanstalt Stuttgart.

Apropos Pilzsammler: Von kaum überbietbarer Albernheit ist auch jene Figur, die derselbe junge Autor erfunden und die als Gottlieb Theodor Pilz angeblich von 1789 bis 1851 gelebt hat. Die Verdienste dieses Pilz bestehen darin, daß er Männer und Frauen seiner Zeit – den Turnvater Jahn, Rossini, Delacroix – von künstlerischer Betätigung abgebracht und damit bewirkt hat, „daß die Zahl der Werke der Romantik nicht überhand nahm“. Bei Mendelssohn und Schumann drang er wenigstens mit seiner Theorie durch, „wonach ein Komponist nicht mehr als vier Symphonien schreiben solle“, und erreichte es sogar, daß Schumann selbst Brahms noch in dieser Richtung beeinflußte. „Wir können nicht umhin, festzustellen, daß er zu früh gestorben ist und daß auch heute ein Pilz am Platze wäre!“

Aber ist nicht dem Autor Wolfgang Hildesheimer der Titel „Pilz unserer Zeit“ zuzuerkennen? Vor allem nach dieser Geschichte: In dem alpinen Städtchen Weyerswyl an der Murthe gibt es Festspielwochen, bei denen weder die Neunte noch der Rigoletto den Snobs aus aller Herren Ländern dargeboten werden, sondern die letzten Erfindungen der Kochkunst vom einheimischen Murthe-Fisch Murr bis zum „Fricandeau à la Pateliere von Leclerq (geb. 1898)“. Die Konkurrenz mit Salzburg, Edinburgh, Luzern und Zürich wird siegreich bestanden, ein prunkvolles Festspielhaus kann errichtet werden. Darin „herrscht durchaus gehobene Stimmung: wenn man während der Eßpausen zu den Klängen, eines Mozartschen Divertimento im Foyer lustwandelt, die Darstellungen berühmter Eßgelage der Mythologie und Geschichte an den Wänden betrachtet (unter welchen ‚Belsazars Fest‘ die eindrucksvollste ist), so kann man im Geiste dem Fischkoch Spieß eine Huldigung nicht versagen.“ Und nicht minder würde ihn die Geschichte von Gregor Rutz, dem „Aphoristiker von Beruf“, überzeugen, der sich plötzlich zum Existentialismus bekennt, was sich darin äußert, daß er sich einen Bart wachsen läßt und das Telefonbuch von A bis Z durchliest. Ob er denn etwa bei Kierkegaard oder Heidegger gelesen habe, fragt ihn der Autor, daß seine völlig abwegige Handlungsweise durch philosophische Untermauerung zu rechtfertigen sei? Und Gregor antwortet: „Wie du siehst, lese ich Telefonbücher und nicht Kierkegaard. Außerdem: Kierkegaard braucht man nicht zu lesen. Kierkegaard kennt mar.“

Hier enthüllt sich der tiefere Sinn in der blühenden Albernheit unseres; Autors: sie fangen wie in einem Spiegel die Absurditäten dieser Epoche auf und reflektieren den Widerspruch zwischen gesuchtem Wolkenkuckucksheim und realen Tatsachen, der unser Leben aufspaltet. Dieser Widerspruch personifiziert sich grotesk und überzeugend in einem anderen Vetter des Autors, namens Chrispin Ansorge, der ein Doppelleben als Philosoph und als Mensch führt. „Als Mensch, der Anteil am geistigen Geschehen nahm, äußerte er sich auch zu seiner eigenen Philosophie, indem er sie nämlich mit sämtlichen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, vor allem aber in der Presse, bekämpfte.“ Der Gegensatz in ihm selbst spitzt sich so zu, „daß eines Tages Ansorge, der Mensch, der im Gegensatz zu Ansorge, dem Philosophen, oft im Affekt handelte, einen Prozeß gegen den letzteren anstrengte.“ Die Gerichtsverhandlung gipfelt darin, daß der Angeklagte Ansorge mit großer Geste auf den leeren Stuhl des Klägers Ansorge weist und ausruft: „Der Mensch, die feige Memme, hat vor dem Philosophen die Flucht ergriffen!“ Cornelius Cohn