In seiner Sitzung vor dem Osterfest hat der Verwaltungsrat der Deutschen Bundesbahn die übrigen Mitglieder des neuen vierköpfigen Vorstandes der Bahn gewählt. Wie die offizielle Verlautbarung ausdrücklich vermerkt, folgten die Mitglieder des Verwaltungsrates auch bei dieser Wahl dem Vorschlag des Bundesverkehrsministers und nominierten dem Kabinett zur endgültigen Ernennung: den 2. Vorsitzenden der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands, Johann Friedrich Hatje, Frankfurt a. M., den hessischen Staatsminister a. D. Dr. Werner Hilpert, Oberursel, und den Eisenbahndirektions-Präsidenten Dr. Fritz Schelp, Hamburg. Der neue Generaldirektor der Bundesbahn, Prof. Dr. Ing. E. Frohne, wurde bestimmungsgemäß zu den Vorschlagen gehört und hatte ihnen naturgemäß zugestimmt.

Das war – vor allem nach der fünf Stunden dauernden und dann „einstimmig“ erfolgten Wahl von Prof. Frohne – zu erwarten. Trotzdem aber ist die Zusammensetzung des neuen Bundesbahnvorstandes für die Öffentlichkeit eine Überraschung. Ohne Zweifel muß man sie als einen ungewöhnlichen Erfolg Seebohms bezeichnen, der in den letzten Wochen hinter den Kulissen ein scharfes und gewagtes Spiel abrollen ließ, dem sich leider kein rotes Stoppzeichen entgegenstellte. Ob dieser „Seebohm-Erfolg“ sich für die Bundesbahn und damit für die deutsche Wirtschaft zu einem Erfolg entwickelt, bleibt abzuwarten.

Die Wahl von Johann Friedrich Hatje, der als Sozialdirektor fungieren soll, können wir, obwohl man nach wie vor die zu befürchtende Politisierung des Verwaltungsrates und des Vorstandes der Bundesbahn als verhängnisvoll ablehnen muß, nur gutheißen. Er ist ein Mann von ruhigem, überlegenem Urteil und genießt auch über die Gewerkschaftskreise hinaus großes Ansehen. Dr. Fritz Schelp dürfte einer der erfahrensten und geschicktesten Eisenbahner von heute sein, der zudem als ehemaliger Angehöriger des Reichsverkehrsministeriums noch die Tradition der Aera Dorpmüller verkörpert – ein bedeutsamer Vorteil in dieser an sich so traditionslosen Zeit, besonders auch im Hinblick darauf, daß Seebohm leider die meisten der einstigen Mitarbeiter Dorpmüllers als lästige Mahner aus den Diensten der Bahn entlassen hat. Die Wahl Dr. Hilperts wäre, rein sachlich gesehen, ein Gewinn, denn der ehemalige hessische Finanzminister dürfte kaum durch andere Interessen gebunden sein und könnte durchaus ein starker Mann für die Bahn werden. Was bedenklich stimmen muß, ist die enge persönliche und freundschaftliche Bindung zu Prof. Frohne, dem er nicht nur als sächsischer Landsmann nahesteht. Es besteht durchaus die Gefahr, daß, wenn die beiden anderen Vorstandsmitglieder nicht sehr auf der Hut sind, sie bald von dem Gespann Frohne–Hilpert „überspielt“ werden. Wäre man den Vorschlägen gefolgt, den Posten des Generaldirektors finanziell so auskömmlich zu dotieren, daß er auch für Männer der „ersten Garnitur“ des Wirtschaftslebens attraktiv geworden wäre – vielleicht hätte sich darin manches anders arrangieren lassen... Aber da man darauf bestand, dem Generaldirektor ein Staatssekretärgehalt zuzubilligen, wurde der Kreis der Kandidaten auf Männer aus Verwaltung und Politik beschränkt, die im „Regierenkönnen“ eine hinlängliche Befriedigung ihres Ehrgeizes gegeben sehen, und sich dafür finanziell gern etwas bescheiden.

Die Auswahl der vier Vorstandsmitglieder war ohne Zweifel nicht leicht. Die Ersetzung des einen Generaldirektors, mit dem man über 25 Jahre gut gefahren war, durch ein Vier-Männer-Kollegium, hatte zudem die Wünsche aller interessierten Kreise wachgerufen: der Länder, der Gewerkschaften und der politischen Parteien. Daß dann auch noch der Wunsch nach Berücksichtigung der Konfessionen auftauchte, war selbstverständlich. Wie es möglich war, daß der Bundesverkehrsminister mit seiner geringen Verkehrs-und bahnfachlichen Vorbildung sich auch diesmal wieder, wie schon vorher bei der Wahl des Generaldirektors, mit seinen Vorschlägen durchsetzen könnte, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Niemand wird ja leugnen können, daß Prof. Frohne sowohl als „Direktor für Verkehr“ in der Zwei-Zonen-Verwaltung wie später als Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium eine fast bundesbahnfeindliche Haltung gezeigt hat. Man fragt sich jetzt, ob der neue Generaldirektor zwangsläufig seine Politik ändern oder etwa auf gewagte Organisationsmaßnahmen ausweichen wird. Interessant wäre es, zu erfahren, ob Seebohm weiterhin darauf besteht, den neuen Vorstand nach Bonn umziehen zu lassen, während die Hauptverwaltung selbst in Offenbach bleiben soll.

Hoffentlich erkennen die „Männer der Wirtschaft“ im Verwaltungsrat, daß auch sie nur „mit Wasser kochen“ können. Und vielleicht überzeugen sie dann die Politiker von der Notwendigkeit, der Bundesbahn endlich zu helfen. In seinem Eröffnungsvortrag vor dem neuen Verwaltungsrat, bei dem übrigens nicht ein Eisenbahner (!) zugegen war, hat der Bundesverkehrsminister in seinem sachlichen Teil (erstaunlicherweise) wirklich einmal gesagt, was finanziell notwendig ist.

Zu wünschen bleibt, daß Prof. Frohne seinen Start als Generaldirektor nicht mit einschneidenden Personalveränderungen beginnt. Und wir erwarten von ihm, daß er sich den Männern gegenüber, die aus ihrer Ablehnung seines bisherigen Kurses keinen Hehl machten, völlig loyal verhält, denn schließlich entsprang ihre Ablehnung der Sorge um die weitere Entwicklung der Bundesbahn. Und diese Sorge ist mit der Bestellung von Prof. Frohne zum Generaldirektor noch längst nicht behoben... Argus