Das System der Präsidentenwahl

Der am 7. Juli in Chikago beginnende „Nationale Parteikonveht“ der Republikaner hat die Aufgabe, den offiziellen Kandidaten der Partei für die am 7. November stattfindende Präsidentenwahl zu bestimmen. Die Wahl dieses Kandidaten erfolgt durch 1205 aus allen achturdvierzig Staaten entsandte Delegierte. Von ihnen werden 598 in fünfzehn Staaten der Union indirekter Wahl von den republikanischen Wählern bei den Vorwahlen – primaries – ermittelt. In neunundzwanzig Staaten werden die Delegierten auf Staats- oder Bezirkskonventen von den örtlichen Führern der Partei bestimmt, während sich in den vier übrigbleibenden Staaten das Parteikomittee des Staates die Auswahl der Delegierten vorbehalten hat. In dreiunddreißig Staaten ist es also „die Parteimaschine“, dit ohne eine Befragung der republikanischen Wähler die Entsendung von 607 Delegierten vornimmt.

Das Verfahren bei den Vorwahlen ist jedoch keineswegs eine Garantie dafür, daß der Wille der Wähler auf dem Nationalkonvent auch tatsächlich zum Ausdruck kommt. Das liegt daran, daß die Gesetze über die Vorwahlen in den einzelnen Staaten gänzlich verschieden sind. Zwei Kategorien von Vorwahlen gibt es: solche, die sich nur auf die Wahl von Delegierten beschränken, und solche, die diese Delegiertenwahl gleichzeitig mit der Wahl des bevorzugten Präsidentschaftsanwärters verbinden. Zu der ersten Kategorie gehören acht Staaten, zur zweiten sieben. Der Wahl des bevorzugten Präsidentenanwärters kommt daher nur eine aufklärende Bedeutung zu. – Die Ergebnisse der Vorwahlen sind ein Barometer für die Parteikonvente in den einzelnen Staaten, auf denen die Delegierten für den Nationalkonvent von der Parteimaschine ausgewählt werden. Für die diese Maschine bedienenden Parteifunktionäre ist einzig und allein die Frage entscheidend, welcher von den vorhandenen Präsidentschaftsanwärtern der aussichtsreichste ist.

55 Konvente und 12 Vorwahlen stehen jetzt noch aus. Von den bis jetzt gewählten 359 Delegierten sind 191 auf Taft, 87 auf Eisenhower, 21 auf Stassen, 6 auf Warren und 2 auf McArthur verpflichtet, während 52 nicht gebunden sind. Warren und Stassen haben bereits erklärt, daß sie ihre Delegierten auf dem Nationalkonvent für Eisenhower stimmen lassen werden, wofür der eine den Posten des Vizepräsidenten, der andere ein Amt im Kabinett des Präsidenten Eisenhower erhofft. Taft erblickt in den von ihm als „Eisenstassen“ und „Warrenhower“ bezeichneten Delegierten keine Gefahr von entscheidender Bedeutung. Sein großer Vorteil gegenüber Eisenhower besteht darin, daß er die Arbeits- und Wirkungsweise der Parteimaschine der Republikanischen Partei besser kennt und beherrscht als sein Gegner. Um so erstaunlicher ist es daher, daß Eisenhower erklärte, er persönlich weide auch nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten am 1. Juni eine politische Kampagne für seine Aufstellung als Präsidentschaftskandidat nicht einleiten, sondern sich erst dann aktiv am Wahlkampf beteiligen und um seine Entlassung aus der Armee bitten, wenn er in Chikago zum offiziellen Präsidentschaftskandidaten nominiert werden sollte. Eisenhower scheint also noch nicht davon überzeugt zu sein, daß er nominiert wird.

Während auf dem Nationalkonvent der Republikaner der Kampf zwischen Taft und Eisenhower ausgetragen wird, steht der am 21. Juli beginnende Nationalkonvent der Demokraten vor der weit schwierigeren Aufgabe, aus einer ganzen Reihe von Bewerbern den Sieger ermitteln zu müssen. Von 105 bisher gewählten Delegierten der Demokraten sind 41 auf Kefauver, 23 auf Humphrey, 12 auf Truman, 5 auf Kerr und 2 auf Rüssel verpflichtet, während 22 Delegierte nicht gebunden sind. Keiner dieser Kandidaten, von denen Truman ausgeschieden ist, besitzt einen so großen Anhang, daß er die Nominierung aus eigener Kraft schaffen könnte. Deshalb ist die Wahl des demokratischen Präsidentschaftskandidaten noch völlig offen. E. K.