Köln, Mitte April

Wie Weber, nach Pfitzners Bonmot, auf die Welt kam-, um den „Freischütz“ zu schreiben, so ist und bleibt der Rang Bizets durch seine „Carmen“ bestimmt. Daran konnten dankenswerte Bemühungen nichts ändern, die vor kurzem in Wuppertal an seinen Einakter „Djamileh“ und 1950 bei den Ruhrfestspielen an die Schauspielmusik zu Daudets „L’Arlesienne“ gewandt worden sind. Auch die späte Uraufführung der frühen Oper „Iwan“ wird das Urteil der Musikgeschichte nicht revidieren. Bemerkenswert ist diese Entdeckung dennoch. Sie rundet das Bild der Persönlichkeit ab. Zwischen den „Perlenfischern“ von 1863 und der „Carmen“ von 1875 ist jetzt die einzige Auseinandersetzung Bizets mit der historischen Oper seiner Zeit sichtbar geworden.

Nietzsche hätte freilich an diesem „Iwan“ keine sonderliche Freude gehabt. Denn die musikalischen Kristallisationskerne heißen hier Meyerbeer und Verdi. Diese stilistische Abhängigkeit mag den Komponisten bewogen haben, zu einer Zeit, als die europäische Opernproduktion in üppigster Blüte stand, leichten Herzens auf die Aufführung zu verzichten. Das Werk blieb verschollen, bis der deutsche Forscher Ernst Hartmann die Partitur während des zweiten Weltkrieges in Paris auffand. Die Uraufführung der deutschen Bühnenbearbeitung wurde quasi ehrenhalber Frankreich überlassen. Sie fand am 28. November 1951 in Bordeaux statt.

Nach dem Bühneneindruck darf man feststellen, daß sich die Aufführung nicht nur aus wissenschaftlichen und biographischen Gründen gelohnt hat. Trotz der stilistischen Uneinheitlichkeit ist „Iwan“ eine wirkungsvolle große Oper alten Stils. Neben ihren Vorbildern kann sie vor allem durch die meisterliche Beherrschung der Musikszene bestehen. Das Schauerlibretto beschwört ein aus Mord, Gewalttat, Saufgelage und Liebesleidenschaft, aus Volksnot und Herrscherwillkür gemixtes . Rußland. Bizet bewältigt seinen Vorwurf mit pompösen Schaubildern und Chorszenen, wie sie zum Operntheater Meyerbeers gehörten. Die prächtig verzahnten Ensembles und der Arienstil verweisen auf den Verdi der „Sizilianischen Vesper“ und des „Rigoletto“. Wie hier Oper als Stimmentheater konzipiert ist und zur Wirkung gebracht wird, das vermag freilich auch heute noch ein dafür empfängliches Publikum in Bann zu ziehen. Der durchschlagende Erfolg der Kölner Erstaufführung bewies das. Er ist um so bemerkenswerter, als die Behelfsbühne der Universitätsaula die auf Raumweite angewiesenen Schaueffekte in der Inszenierung Erich Bormanns trotz anerkennenswerter Bildlösungen von Walter Gondolf nur andeutungsweise ausspielen konnte. Durchgesetzt wurde das Werk vor allem dank der liebevollen musikalischen Einstudierung und schlagkräftigen Wiedergabe durch den Dirigenten Richard Kraus. Anny Schlemm in der weiblichen Hauptpartie bot eine hinreißende Leistung.

Johannes Jacobi