Von Waldemar Toner

Die Ostberliner Volksbühne hat vor kurzem für eine Mark achtzig Ost ein Textbuch für Laienspielgruppen herausgebracht, das sich „Land der Wunder“ nennt. Bei näherem Einblick erinnert man sich unwillkürlich der Faschingszeitung der „Münchner Neuesten Nachrichten“ von 1937, in der sich zwischen mancherlei anderen, für damalige Verhältnisse sehr kühnen Persiflagen, auch ein „zeitnah“ verwandeltes Märchen fand. Das BDM-Mädchen Rotkäppchen besucht mit einer Pfundspende seine Oma im NSV-Mütterheim. Der böse Wolf („Was hast du denn für einen großen Mund?“ – „Du weißt doch, daß ich in der Kulturgemeinde bin!“) wird vom Kreisjägermeister erschossen. Zum Dank darf er einen goldgestickten Wolf zur Uniform tragen, und Rotkäppchen wird Unterführerin im BDM.

Jene Faschingsnummer wurde damals parteiamtlich beanstandet. Das Laienspieltextbuch der Ostberliner Volksbühne hingegen erscheint zweifellos unter parteiamtlicher Protektion...

Auch das „Land der Wunder“ ist, wie der Untertitel verrät, ein zeitnahes Märchen, und zwar die altvertraute Geschichte von Dornröschen. Nur daß sie, der Terminologie des Ostens entsprechend, fortschrittlich variiert wurde: Dornröschen liegt mit ihrem Hofstaat in hundertjährigem Schlaf. Doch statt des nicht mehr gestatteten Königssohns erscheint ein „Junge unserer Zeit“, ein forscher FDJler. Er bringt Dornröschen natürlich nicht mehr auf ein Schloß, um mit ihr fröhliche Hochzeit zu feiern, sondern führt sie in das „Land der Wunder“ ein, wo es Arbeitsbrigaden, Aktivisten und Maschinenausleihstationen erlebt. Überwältigt von diesen Eindrücken, entschließt sich das Mädchen, ihr hocharistokratisches Drohnendasein aufzugeben, sich einzureihen in die Front des Aufbaus und beim Fünfjahresplan mitzuhelfen.

Diese ernstgemeinte Persiflage ist eine Probe dessen, was die Kulturprogramme der Laienspielgruppen des Ostens heute bieten. Von Staat und Partei lebhaft unterstützt, sollen sie auch von der neu errichteten „Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten“ besonders gefördert werden. In den volkseigenen Betrieben wird eifrig für die Gründung neuer Spielgruppen geworben, und für die Betriebskollektivverträge wird vorgeschlagen, daß die Arbeiter nicht nur wirtschaftliche Selbstverpflichtungen (für die Erhöhung der Arbeitsnormen etwa) übernehmen, sondern auch kulturelle Verpflichtungen (zum Beispiel: Laienspielgruppen aufzuziehen). Mit diesen Gruppen sollen dann Agitationskollektiva gewonnen werden, die ihren Kollegen auch im betrieblichen Theaterspiel die Politik der DDR nahezubringen haben.

Die Vorarbeit hierfür wurde von der Volksbühne geleistet. Den Kulturorganisatoren der Betriebe bietet sie die Textbücher für rund sechzig Laienspiele an. Es gibt dabei Stücke für Schulen, Pioniergruppen, Industriebetriebe und Dorfabende. Sie preisen den Aufbau in der DDR und enthüllen die „katastrophalen Verhältnisse“ im Westen. Es gibt ernste und heitere Spiele, Revuen und Sketche, Kurzszenen und Märchen, für 2 bis 25 Rollen.

Ein Musterbeispiel: „Inge geht voran Inge ist in einem Textilbetrieb Aktivistin einer Qualitätsbrigade. Nach dem Beschluß ihrer Betriebsgewerkschaftsleitung soll sie studieren. Aber die reaktionäre Mutter, die auf das Geld ihrer Tochter angewiesen ist, sagt, in kleinbürgerlich-überlebten Vorstellungen befangen, immer nur „nein“. Zwar versuchen die Hausobmännin und die Vertrauensfrau des Demokratischen Frauenbundes sie aufzuklären, aber alle Bemühungen sind vergeblich. Voller Empörung läuft sie zur Gewerkschaftsleitung. Doch dem Vorsitzenden gelingt es, „ihr Mutterherz mit Stolz zu füllen“. Die alte Frau geht in sich, tritt als Arbeiterin in den Betrieb ein, läßt sich von Inge alle Kniffe der Arbeit zeigen, ist in der letzten Szene auf dem besten Wege, selber Aktivistin zu werden, und hält eine begeisterte Ansprache über die Politik der Ostzonen-Regierung.