Südtirol ist heute kein neuralgischer Punkt Europas, den man an Bedeutung etwa dem Saargebiet oder Triest vergleichen könnte. Zum mindesten an der Oberfläche ist das Einvernehmen zwischen Deutsch-Südtirolern und Italienern weit besser als irgendwo anders zwischen einer Minderheit und der Mehrheit des Staatsvolkes. Zum Unterschied von vielen anderen italienischen Provinzen gibt es in Südtirol kaum Kommunisten. Aber man ist sich der Gefahr sehr bewußt. Es war ein Schock für Meran, als die Evakuierten aus dem Überschwemmungsgebiet des Po zu Hunderten ankamen. Man empfand den latenten Kommunismus, den sie mitbrachten, wie eine Warnung des Schicksals: die politische und soziale Ordnung des Landes ruht auf schwankem Grunde und kann nur in einem europäischen Gesamtverband gesichert werden. So hat der Wunsch, wieder stärker in den deutschen Fremdenverkehr eingeschaltet zu werden, mehr als bloß kommerzielle Gründe. Man sieht in der Festigung der Nord-Südbeziehungen das wichtigste Mittel, um eine Gefahr abzuwehren, die beide Länder gleichermaßen bedroht.

Bozen, im April

Im Hof des Schlosses Tirol kündet eine heute schon verwitterte Marmortafel von den Verdiensten, die sich der Touring Club Italiano um dieses aus dem XII. Jahrhundert stammende Bauwerk erworben hat. Zu diesem geschichtlichen Ort, der einst Sitz der Tiroler Grafen war und dem Lande seinen Namen gab, heute italienischer Staatsbesitz ist, ziehen an schönen Sonntagen Scharen von Wanderern. Sie erklimmen mit einer Sesselbahn den Meraner Hausberg, den Kuchelberg, über dessen Sattel sie in das Dorf Tirol gelangen, das etwas unterhalb des Schlosses gelegen ist. Seine zahlreichen Gasthöfe deuten auf die Kommerzialisierung dieser an geschichtlichen Reminiszenzen reichen Gegend. Unter den Ausflüglern halten sich Ortsansässige und Meraner Kurgäste, Deutsche und Italiener die Waage. Mit Nagelschuhen und Rucksäcken, auf Motorrollern, Fahrrädern und in Topolinos streben sie dem Ziele zu. Zwischen blühenden Sträuchern, am Rande einer Friedhofsmauer, vorbei an Gehöften mit falbenfarbenen Bergrindern strömt die geschwätzige Prozession. Hin und wieder steht am Wegrand ein Grüppchen von Bauern. Hochgewachsene Männer mit rotblonden Schnurrbärten und blauem Brustschurz, Röcken, die hellrote Aufschläge säumen, runden schwarzen Filzhüten mit bunten Schnüren. Alt und jung tragen diese Tracht. Die Buben haben neugierige Augen, die Blicke der Älteren aber gehen über die Menge der Ausflügler hinweg, als gehe sie all das, was aus der Stadt und von der Sohle des Tales zum Berge wandere, nichts an...

Der Eindruck, daß in diesem Lande zwei Welten miteinander bestehen, zwei Gattungen, zwei Völker, verstärkt sich, je weiter man sich von den Städten entfernt. Der Südtiroler Menschenschlag ist kein Grenzvolk im üblichen Sinne. Hier verwischen sich nicht wie im Elsaß, in Friesland, in Schleswig oder früher in den preußischen Ostprovinzen Merkmale von Stamm und Herkunft, von Erziehung und Bildung. Hier – das sieht man auf den ersten Blick – ist die Mischehe keine Regel, sondern kaum die Ausnahme. Hier hat das Gebirge die Menschen geformt, und wer nicht zum Gebirge gehört, wird dort niemals heimisch werden. Wenn der Faschismus hier Norditaliener angesiedelt hätte oder doch Bauern aus dem Apennin, wäre vielleicht manches anders, aber man schickte unbedachterweise vor allem Neapolitaner und Sizilianer.

Es wäre falsch zu sagen, daß die Südtiroler mit ihrem Schicksal so hadern, daß sie darüber die Anforderungen der Gegenwart vergessen. Im Gegenteil, ihre politischen Führer sehen die Notwendigkeit, einen Modus vivendi mit den Italienern zu finden, ein und führen den politischen Kampf um ihre Rechte bei aller Zähigkeit maßvoll und fair. Sie erkennen auch an, daß sich seit 1945 manches gebessert hat und nicht alles, was damals versprochen wurde, Papier geblieben ist. Sie schätzten sich glücklich, dem Schicksal der Austreibung entgangen zu sein, das so viele Glieder des deutschen Volkes im Zuge des zweiten Weltkrieges getroffen hat, aber sie wissen auch, daß die Chancen, sich gegen den Prozeß der Überfremdung zu halten, nicht zugenommen haben.

Ein paar Zahlen mögen dies veranschaulichen: 1919 lebten in Südtirol 270 000 Deutsche und 7500 Italiener, heute 220 000 Deutsche gegen 110 000 Italiener. Diese Veränderungen erstrecken sich fast ausschließlich auf die Städte. 1914 registrierte die Volkszählung in Meran einen Italiener. Bei den letzten Gemeindewahlen wurden noch 4900 deutsche Stimmen gegen 12 800 italienische verzeichnet. Die Italianisierung wurde in erster Linie durch die Industrialisierung der Städte Bozen und Meran erreicht. Für die dort aus dem Boden gestampften Fabriken schaffte man Industriearbeiter aus Süditalien heran. Die zweite Welle setzte im Kriege ein, als Südtirol zur „Zona di refugio“ für Bombenflüchtlinge aus den italienischen Großstädten erklärt wurde. Viele von ihnen haben sich für immer wurde. gemacht. Die öffentlichen Dienste sind heute fast ausschließlich mit Italienern besetzt.

Der deutsche Schulunterricht ist heute zwar gesichert, aber wo gemischte Schulen bestehen, beginnt die deutsche Jugend auch unter sich italienisch zu sprechen.