Von Siegfried Lenz

Zuerst ging er ans Fenster, öffnete es ruckartig und erschrak über den Lärm, den er zu so später Stunde hervorrief. Die kühle Nachtluft prallte gegen seinen Körper, er fühlte den Stoff des Hemdes dicht an der Haut. So stand der Vater vor dem offenen Fenster: groß, breitschultrig, die rechte Hand gegen den Rahmen gestützt; er krümmte die Zehen auf dem kalten Fußboden, beugte den Oberkörper nach von und blickte zu dem einzigen noch erleuchtete! Fenster in seiner Nachbarschaft hinüber. Don, hinter der Gardine, bewegten sich zwei Menschen; er konnte nicht schätzen, wie weit entfernt sie von ihm waren; die Dunkelheit ließ es nicht zu. Der Vater hob den Kopf und lauschte. Vom Hafen dröhnte die Dampfstimme eines Schiffes herüber, mehrmals, zweimal lang und einmal kurz, merkwürdig friedvoll und freundlich. Ein anderes Schiff antwortete; sein? Stimme war sehr schwach, sie mußte von weit herkommen. Vielleicht war es unterwegs? Der Vater schloß das Fenster und tastete sich zu seinem Bett. Er stieß leicht gegen einen Stuhl, und das verursachte ein kurzes, trockenes Geräusch. Dann hob er die Decken hoch, setzte sich auf die Bettkante und rollte seinen Körper auf das Lager. Ei lag auf der Seite, der rechte Arm war fast ausgestreckt. Sein Atem war mächtig und gleichmäßig, er stieß gegen die sauber getünchte Wand, stob auseinander, verteilte sich in der Stube. Eine Straßenbahn schleifte ihren Schienenweg entlang, es war wohl die letzte. "Der Lumpensammler", dachte der Vater, "er bringt die Nachtschmetterlinge nach Hause. In den nächsten vier Stunden wird es still sein. An der Zimmerdecke zuckte es einmal bläulich auf, das kam von der elektrischen Leitung, von der dünnen Krippe der Straßenbahn. Der rechte Arm des Vaters wurde schwer, das Blut staute sich an einer Stelle. Der Vater seufzte, warf sich auf den Rücken und atmete laut aus. Er zog die Beine an, ergriff mit den Zehen das Laken, ließ es herunterfallen und ergriff es wiederum. Als er eine Hand in den Hemdausschnitt über der Brust legte, stellte er fest, daß sie feucht war. Auch seine Stirn war feucht und der Rücken und der ganze Körper.

"Ich muß jetzt einschlafen", dachte der Vater.

Er rollte sich auf die linke Seite, weil er es gewohnt war, immer auf einer Seite liegend einzuschlafen. Er spürte, wie das Herz empört gegen den Ellenbogen hämmerte, es wurde zusammengepreßt, und das ließ es sich nicht gefallen.

"So geht es nicht", sagte er halblaut zu sich. Er war wach, und daß er wach war, quälte ihn. Stöhnend wälzte er seinen Körper auf den Rücken, schnaufte, spannte die Muskeln der Oberschenkel, ließ seine Faust gegen die Wand fallen und bewegte die Augenlider. Wo blieb der Schlaf? Er riß die Decken herunter und wischte sich den Schweiß vom Körper.

Er trat wieder ans Fenster, öffnete es unbekümmert, und sog gierig kühle Luft in die Lungen. Der Vater war nicht aus Holz, alles zitterte, bebte an ihm, er richtete sich wiederholt auf und sank zusammen, seine Lippen bewegten sich. Manchmal stand der Vater da, wie wenn er gefällt werden sollte, hart und gefaßt angesichts einer imaginären Axt, von der er nicht wußte, wann sie zuschlagen würde.

Dann schritt er zurück und warf sich auf das Bett, daß die Sprungfedern ächzten. Das Fenster blieb offen. Er hatte ein Gefühl, als ob man ihm, der durstig war, ein Glas mit Sand zum Trinken angeboten hätte. Die Hitze mußte in den Decken auf ihn gewartet haben, sie stürzte sich sofort wieder auf seinen Körper.