Erzählung von Karl N. Nicolaus

Mit den Schatten der Dämmerung trat das Ungewisse aus den Dingen hervor: aus den Gebüschen am Weg, aus den Wolken über dem Horizont, aus dem Antlitz des Mondes und aus jenem Bereich, den die Menschen „die Seele“ nennen.

In Vinzent Kentrup hockte das Ungewisse gleich einem Gespenst, das von ihm Besitz ergriffen, hat. Er stand da in der Pracht und Verwirrung seiner neunzehn Jahre – äußerlich groß und schwer, aber innerlich noch ein Junge. Er stand vor dem Tanzlokal „Zur Sonne von Hawaii“. Er fühlte die paar Geldscheine, die in seiner Brieftasche waren, wie ein sanftes Pflaster auf seiner Haut liegen. Er überlegte, ob er sie der „Sonne von Hawaii“ opfern sollte oder nicht.

Das Etablissement „Zur Sonne von Hawaii“ verdankte seinen exotischen Namen einem Zufall: als der Wirt vor Jahren den Saal einweihte, hatte er ein Orchester engagiert, das Hawaii-Musik bevorzugte.

Die Fenster des großen Saals, der sozusagen die Herzkammer der „Sonne von Hawaii“ ausmachte, waren hell erleuchtet. Vinzent Kentrup sah die Silhouetten der Tanzenden vor diesen Fenstern vorüberziehen. Er sah die Zärtlichkeit mancher Bewegungen und das Hingegebensein an einen fremden Rhythmus, der die Gestalten durchlief und sie zu Marionetten der Musik machte.

Die Stimmung im Saal stieg. Man öffnete einzelne Fenster. Vinzent Kentrup sah, wie ein Stampfen sich der Gestalten bemächtigte. Es war ihm, als träten die einzelnen Figuren aus sich selbst hervor in eine andere Dimension. Diese Musik – so schien ihm – zwang die Menschen in Räume, die es sonst im Alltag nicht gibt.

Insbesondere eine Trompete bemächtigte sich der Dämmerung. Sie fegte das Ungewisse fort, das abends in der Welt hockt und lockt. Sie betäubte alle Ängste, die die Kreatur bedrängen in grellen Wirbeln, die etwas Grinsendes hatten.